
40 Jahre Nationalpark Wattenmeer: Interview mit Silke König
Ebbe, Flut, unendliche Weite und ein Lebensraum voller Bewegung: Das Wattenmeer prägt Ostfriesland wie kaum eine andere Landschaft. Seit 40 Jahren ist das Niedersächsische Wattenmeer als Nationalpark geschützt – und doch bleibt es ein Ort, an dem es immer wieder Neues zu entdecken gibt.
Silke König kennt diesen besonderen Naturraum aus nächster Nähe. Sie leitet das Nationalpark-Haus Wattenhuus in Bensersiel und vermittelt dort, warum das Wattenmeer so einzigartig, lebendig und schützenswert ist. Im Interview spricht sie über ihre persönliche Verbindung zum Nationalpark, die Bedeutung von Umweltbildung und die Herausforderungen, vor denen das Wattenmeer heute steht.
Silke, erzähl uns doch ein bisschen über Dich!
Moin, ich bin Silke König, verheiratet und Mutter von zwei erwachsenen Töchtern. Seit 2011 arbeite ich im Nationalpark-Haus Wattenhuus, wo ich die Einrichtung sowohl fachlich als auch organisatorisch leite. Ein besonderer Fokus meiner Tätigkeit liegt im Projektmanagement sowie in der Umweltbildung. Darüber hinaus führe ich ein mittlerweile zehnköpfiges Team, was mir viel Spaß bereitet und mich auch motiviert.
Als zertifizierte Natur- und Landschaftsführerin ist es mir ein Herzensanliegen, Menschen für die Natur und insbesondere für das Wattenmeer zu begeistern und Wissen anschaulich sowie lebendig zu vermitteln. Dabei ist es mir besonders wichtig, individuell auf mein Gegenüber einzugehen und die Menschen dort abzuholen, wo sie stehen.
Zusätzlich bin ich geprüfte kollegiale Beraterin. Es freut mich, andere in ihrem beruflichen Alltag zu unterstützen und ihnen praxisnahe Impulse, Tipps und Methoden an die Hand geben zu dürfen.
Meine Arbeit bedeutet mir sehr viel, da ich täglich mit Menschen in Kontakt komme und kein Tag dem anderen gleicht. Besonders schätze ich es, meine Begeisterung für das Wattenmeer weiterzugeben und zu erleben, wie ich andere für diese einzigartige Landschaft sensibilisieren und inspirieren kann. So verbinde ich meine persönliche Leidenschaft mit meinem Beruf und leiste einen aktiven Beitrag zur Umweltbildung.

Was bedeutet dir persönlich der 40. Geburtstag des Nationalpark Niedersächsisches Wattenmeer?
Für mich hat dieses Jubiläum eine ganz besondere Bedeutung, auch weil ich das Ganze aus meiner Arbeit im Nationalpark-Haus heraus erlebe. Es zeigt einfach, wie wichtig es war, diesen Schutzraum überhaupt zu schaffen. Und gleichzeitig freue ich mich zu sehen, was in den letzten Jahren alles gewachsen ist – gerade im Bereich Bildung und Vermittlung. Das macht mich schon ein Stück weit stolz, Teil davon zu sein.
Seit wann bist du mit dem Nationalpark verbunden, und was hat sich in dieser Zeit besonders verändert?
Durch meine Rolle als Leitung des Nationalpark-Hauses bin ich natürlich sehr eng mit dem Nationalpark verbunden. Und was ich in dieser Zeit besonders wahrnehme, ist, wie sehr sich die Art verändert hat, wie wir Menschen für das Wattenmeer begeistern. Es geht heute viel mehr über Erleben und Verstehen – nicht nur über reine Information. Und ich habe das Gefühl, dass auch die Besucher mit einem ganz anderen Bewusstsein zu uns kommen als vielleicht noch vor einigen Jahren.
Gibt es ein Erlebnis im Nationalpark, das dich besonders geprägt hat?
Ja, tatsächlich meine erste Teilnahme an einer Wattwanderung– wenn man merkt, wie ruhig es ist und wie viel Leben trotzdem da ist. Gerade bei so einer Führung wird einem bewusst, wie besonders dieses Ökosystem ist. Das hat bei mir wirklich dazu geführt, dass ich das Wattenmeer nochmal ganz anders sehe und wahrnehme und viel mehr wertschätze.
Was waren aus deiner Sicht die wichtigsten Meilensteine in den letzten 40 Jahren?
der wichtigsten Meilensteine war überhaupt erstmal die Gründung des Nationalparks – das war ja keine Selbstverständlichkeit. Danach kam für mich ganz klar die Anerkennung als UNESCO Weltnaturerbe, weil das dem Wattenmeer nochmal eine ganz andere internationale Bedeutung gegeben hat. Und ich glaube auch, dass die kontinuierliche Weiterentwicklung der Schutzmaßnahmen und die stärkere Einbindung von Bildung und Forschung entscheidend waren.
Wie hat sich der Schutz des Wattenmeers seit der Gründung entwickelt?
Seit der Gründung des Schutzes des Wattenmeers hat sich viel verändert. Während Naturschutz früher oft noch eine untergeordnete Rolle spielte, ist er heute deutlich stärker in den Vordergrund gerückt. Es gibt inzwischen klar definierte Regeln und Schutzkonzepte, eine intensivere wissenschaftliche Begleitung sowie umfangreiche Aufklärungsarbeit. Dadurch ist zum Glück auch das Verständnis in der Bevölkerung gewachsen, warum der Schutz dieses einzigartigen Naturraums wichtig ist. Insgesamt zeigt sich ein Wandel hin zu einem bewussteren und verantwortungsvolleren Umgang mit dem Nationalpark-Wattenmeer. Und überhaupt mit Naturschutz im Allgemeinen. Es ist aber noch Luft nach oben.
Vor welchen Herausforderungen stand der Nationalpark damals – und welche gibt es heute?
Früher ging es vor allem darum, überhaupt Akzeptanz für den Nationalpark zu schaffen – und zwar dafür, dass es den Nationalpark überhaupt gibt und dass bestimmte Regeln und Einschränkungen eingeführt werden. Gerade Menschen, die vom Meer leben, wie Fischer, oder auch im Tourismus tätig sind, mussten verstehen, warum ihre Nutzung der Natur teilweise eingeschränkt wird. Es musste also vermittelt werden, dass Schutzmaßnahmen notwendig sind, um den Lebensraum im Wattenmeer bzw. im Nationalpark Niedersächsisches Wattenmeer langfristig zu erhalten.
Heute haben sich die Herausforderungen verändert und sind meiner Meinung nach sogar noch größer geworden. Der Klimawandel ist dabei das zentrale Thema. Er wirkt sich direkt auf das Wattenmeer aus und zeigt, dass Naturschutz längst nicht mehr nur eine lokale Aufgabe ist. Deshalb braucht es heute vor allem noch mehr Aufklärungsarbeit und ein Bewusstsein dafür, wie stark globale Entwicklungen solche Schutzgebiete beeinflussen.
Warum ist der Nationalpark heute wichtiger denn je?
Weil wir gerade sehen bzw. erkennen, wie stark sich unsere Umwelt verändert. Der Nationalpark ist ein extrem sensibles Ökosystem und gleichzeitig Lebensraum für unglaublich viele Arten. Wenn wir das nicht schützen, verlieren wir etwas, das weltweit einzigartig ist. Außerdem hätte das auch direkte Folgen für uns Menschen: Die Küsten wären weniger geschützt vor Sturmfluten und Überschwemmungen, wichtige Lebensräume für Fische würden geschädigt und damit auch unsere Nahrungsgrundlagen und wirtschaftlichen Existenzen beeinträchtigt. Dazu kommt, dass ein stabiles Ökosystem wie das Wattenmeer auch eine sehr wichtige Rolle im Klimaschutz spielt (es bindet Kohlenstoff langfristig in seinen Sedimenten und trägt dadurch zur Reduktion von CO₂ in der Atmosphäre bei.) Auch der Tourismus würde stark darunter leiden, da viele Menschen genau wegen der einzigartigen Natur in die Region kommen. Wenn diese an Vielfalt verliert oder geschädigt wird, gehen nicht nur Erholungsräume verloren, sondern auch wichtige Einnahmen für die Region. Wenn wir dieses System zerstören, schaden wir also nicht nur der Natur, sondern letztlich auch uns selbst.
Welche Rolle spielt Umweltbildung im Nationalpark?
Eine ganz große. Wenn man Dinge versteht, sieht man sie ganz anders bzw. sieht man dieses mit anderen Augen. Und genau das schafft Umweltbildung – sie macht die Natur greifbar und sorgt dafür, dass man bewusster damit umgeht

Wie gelingt der Spagat zwischen Naturschutz und Tourismus?
Das ist definitiv eine Herausforderung, aber ich finde, im Nationalpark Wattenmeer gelingt das eigentlich ganz gut. Durch klare Regeln, geführte Angebote und Aufklärung kann man den Tourismus so lenken, dass die Natur geschützt bleibt und die Menschen trotzdem ein tolles Erlebnis haben. Wenn die Leute verstehen, warum etwas geschützt wird, dann akzeptieren sie das auch eher. Und dann kann Tourismus auch nachhaltig funktionieren.
Mit dem neuen Nationalpark-Haus in Bensersiel gibt es einen modernen Anlaufpunkt – was erwartet Besucher dort?
Die Besucher erwartet ein sehr moderner, interaktiver Ort, an dem man das Wattenmeer auf ganz unterschiedliche Weise erleben kann. Also nicht nur klassische Infos, sondern wirklich auch Mitmach Stationen und Einblicke, die hängen bleiben. Das Nationalpark-Haus macht durch die neue Dauerausstellung Lust auf die Natur,- Lust auf unser Welterbe Wattenmeer. Staunen, erleben, entdecken…
Welche Zielgruppen sollen besonders angesprochen werden?
Eigentlich alle – aber besonders Familien, Kinder, Urlauber aber wir wollen auch mehr Einheimische erreichen, die vielleicht noch gar keinen so engen Bezug zur Natur haben. Also ein breites Publikum.
Welche interaktiven oder innovativen Angebote gibt es?
Zum Beispiel digitale Stationen, Mitmach-Elemente oder auch anschauliche Modelle. Also Dinge, bei denen man nicht nur liest, sondern wirklich aktiv etwas entdeckt. Ich möchte hier nicht zu viel verraten, die Leser sollen sich am besten selbst ein Bild machen.
Welche Ziele gibt es für die nächsten Jahre im Nationalpark?
Für die kommenden Jahre wird es denke ich, im Nationalpark vor allem darum gehen, den Schutz der Natur weiter zu stärken und gleichzeitig noch mehr Menschen dafür zu sensibilisieren. Naturschutz und Bildung sollen dabei noch enger miteinander verknüpft werden, damit das Bewusstsein für ökologische Zusammenhänge wächst. Wichtig ist außerdem, die politische und gesellschaftliche Akzeptanz für Umweltbildung zu erhöhen, damit langfristig möglichst viele Menschen davon profitieren und sich für den Erhalt der Natur einsetzen.
Wie kann jeder Einzelne zum Schutz des Wattenmeers beitragen?
Schon durch Kleinigkeiten: sich an Regeln halten, auf den Wegen bleiben, keinen Müll hinterlassen. Aber auch generell bewusster mit Natur umgehen – das fängt ja nicht erst im Nationalpark an.
Was wünschst du dir persönlich für die Zukunft des Nationalparks?
Dass er weiterhin so gut geschützt bleibt und dass noch mehr Menschen verstehen, wie wertvoll dieses Gebiet ist.
Wenn du den Nationalpark in drei Worten beschreiben müsstest – welche wären das?
Einzigartig, lebendig, schützenswert.
Warum sollte jeder den Nationalpark und das neue Haus in Bensersiel einmal besuchen?
Weil man dort wirklich versteht, wie besonders dieser Lebensraum ist. Und ich finde, man nimmt immer etwas mit – sei es Wissen oder einfach ein neues Gefühl für die Natur.
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Kommentare
wunderbarer artikel,gut be-geschrieben.