
Unterwegs im Rheiderland – zwischen Häuptlingsburg, Pferdestärken & Orgelkultur
Hallo zusammen,
der Himmel über Leer zeigte sich an diesem Morgen in zahllosen Grauschattierungen. Dichte Wolken zogen über die Dächer der Altstadt, und das Wasser im Hafen wirkte wie eine matte, leicht bewegte Metallfläche. Gerade diese gedämpfte Stimmung passte wunderbar zu einer Reise durch das Rheiderland – einer Landschaft, deren Schönheit sich nicht aufdrängt, sondern still und allmählich entfaltet.
Bevor ich mich mit meinem Rollstuhl und dem Zuggerät auf den Weg machte, gönnte ich mir einen kurzen Blick auf das historische Rathaus und die benachbarte Waage. Das Rathaus mit seinem markanten Turm gehört zu den bekanntesten Bauwerken der Stadt, während die 1714 errichtete Waage an Leers lange Geschichte als Handels- und Hafenort erinnert.
Noch lag angenehme Ruhe über dem Ensemble. Einige Möwen kreisten über dem Hafen, während mein Zuggerät leise seine Arbeit aufnahm. Wenig später ließ ich die Altstadt hinter mir und überquerte die Ems. Damit wechselte ich nicht nur die Flussseite, sondern trat zugleich in eine Region ein, die sich ihren eigenen Charakter bewahrt hat.
Weite, Wind und alte Dorfkirchen
Das Rheiderland liegt zwischen Ems und niederländischer Grenze. Es ist ein Land der weiten Horizonte, Deiche, Polder, Sieltiefs und alten Warftendörfer. Entwässerungsgräben durchziehen die Felder, Deiche schützen das fruchtbare Marschland, und einzelne Gehöfte liegen wie feste Inseln in der grünen Ebene.
Für mich als Rollstuhlfahrer mit Zuggerät besitzt diese Landschaft einen besonderen Reiz. Die überwiegend ebenen Wege vermitteln Freiheit, verlangen bei Wind und großen Entfernungen aber gute Planung. Mein Zuggerät nahm mir einen Großteil der Belastung ab und ließ mich die Strecke wirklich erleben.
Vorbei an ausgedehnten Weideflächen führte die Route nach Bingum. Schafe standen in kleinen Gruppen im Gras, später bestimmten Pferde das Bild. Mein erster längerer Halt galt der Matthäikirche, die etwas erhöht gemeinsam mit dem Friedhof einen stillen Mittelpunkt des Ortes bildet. Sie trägt nicht die Pracht großer Kathedralen zur Schau. Gerade ihre zurückhaltende Erscheinung macht sie ansprechend. Alte Dorfkirchen erzählen von Taufen und Hochzeiten, Abschieden, Sturmfluten und Kriegszeiten. Generationen haben hier Schutz, Trost und Gemeinschaft gesucht.
Hinter Bingum wurde die Landschaft erneut weit und offen. Zahlreiche Strohballen säumten den Weg. Dazwischen entdeckte ich einen einsamen Storch, der langsam durch eine Weide schritt und immer wieder seinen langen Schnabel ins Gras senkte. Es war nur eine kleine Beobachtung, doch genau solche stillen Bilder geben einer Reise ihre besondere Atmosphäre.
Wenig später erreichte ich Holtgaste und die Liudgerikirche. Ihr Name erinnert an den Missionar Liudger, der im 8. Jahrhundert das Christentum in den friesischen Gebieten verbreitete. Bereits um 850 soll hier eine erste Holzkirche gestanden haben.
Besonders eindrucksvoll waren für mich die historischen Grabmäler. Wind und Wetter hatten ihre Spuren hinterlassen, manche Inschrift war kaum noch zu entziffern. Und doch schienen die Steine von den Menschen zu erzählen, die hier einst lebten. Auch der separate Glockenturm mit seinen jahrhundertealten Glocken zeugt von der langen Geschichte dieses Ortes.
Ein Bewahrer historischer Substanz
Von Holtgaste führte mein Weg weiter nach Bunderhee. Am Polderhof erwartete mich bereits Herr Brümmer – die erste der beiden Persönlichkeiten, die diesen Tag auf besondere Weise prägten.
Herr Brümmer ist Unternehmer, doch schnell wurde deutlich, dass sein Interesse weit über wirtschaftliche Fragen hinausgeht. Mit großem Engagement setzt er sich für den Erhalt historischer Gebäude ein und hat in Bunderhee bereits mehrere Objekte saniert oder einer neuen Nutzung zugeführt. Historische Substanz soll nicht nur bewahrt, sondern wieder Teil des heutigen Lebens werden.
Nach einer freundlichen Begrüßung begann unser Rundgang über den Polderhof. Die Anlage vermittelte eine gelungene Verbindung aus Großzügigkeit, Qualität und ostfriesischer Bodenständigkeit. Besonders ausführlich besichtigten wir die Reithalle und die geräumigen Stallungen. Die Friesenpferde mit ihren schwarzen Mähnen wirkten zugleich kraftvoll und sanft.
Stallungen und Hofanlagen sind nicht automatisch problemlos zugänglich. Umso schöner war es, die verschiedenen Bereiche mit Rollstuhl und Zuggerät aus der Nähe erleben zu dürfen.
Zum Abschluss durfte das Füttern der Pferde nicht fehlen. Einer der Friesen kam neugierig näher, senkte seinen dunklen Kopf zu meiner Hand, und für einen Moment war nur sein ruhiges Schnauben zu hören. Trotz seiner Größe nahm er das Futter erstaunlich vorsichtig.
Diese Begegnung wurde zu meinem ersten persönlichen Höhepunkt. Es war kein spektakulärer Augenblick, sondern ein stiller Moment des Vertrauens. Im Rollstuhl erlebe ich Tiere häufig aus einer anderen Perspektive. Gerade Pferde wirken aus dieser Höhe besonders imposant. Umso bewegender ist es, wenn aus anfänglicher Distanz vorsichtige Nähe entsteht.
Auch Herr Brümmer blieb mir in Erinnerung. Menschen wie er zeigen, dass Denkmalschutz nicht allein aus Verordnungen und Fördermitteln besteht, sondern von persönlichem Einsatz, Ideen und dem Willen lebt, Vergangenes nicht verfallen zu lassen.
Das Steinhaus und die Spuren der Häuptlinge
Vom Polderhof war es nur ein kurzer Weg zum Steinhaus Bunderhee. Dort brachte mir der Gästeführer Jelko Peters die Geschichte des Hauses kenntnisreich und anschaulich näher.
Das Steinhaus gehört zu den ursprünglichsten erhaltenen Häuptlingsburgen Ostfrieslands. Als im 13. und 14. Jahrhundert einzelne Familien innerhalb der friesischen Landesgemeinden an Macht gewannen, ließen sie turmartige Backsteinbauten errichten. Diese dienten weniger als komfortable Wohnsitze, sondern vor allem als Schutzräume für Menschen, Vorräte und Wertgegenstände.
Der mittelalterliche Wehrturm stammt im Kern aus dem 14. Jahrhundert. Kleine Fenster und der ursprünglich schwer erreichbare Zugang machten ihn zu einem wehrhaften Rückzugsort. Im 16. Jahrhundert wurde das Gebäude wohnlicher gestaltet; spätere Anbauten folgten, doch der ursprüngliche Turm blieb deutlich erkennbar.
Während der Führung konnte ich mir gut vorstellen, wie unsicher das Leben zur Zeit der ostfriesischen Häuptlinge gewesen sein musste. Hinter den mächtigen Mauern wurde beraten, gestritten und Schutz gesucht. Das Steinhaus wirkte nicht wie eine romantische Burg, sondern wie ein zweckmäßiges Zeugnis mittelalterlicher Machtverhältnisse.
Wie so oft verging die Zeit viel zu schnell. Eine Pause im nahe gelegenen, liebevoll restaurierten Tammenshof bot Gelegenheit, das Erlebte sacken zu lassen. Steinhaus, Polderhof und Tammenshof zeigen auf unterschiedliche Weise, wie historische Bausubstanz erhalten werden kann, wenn Menschen bereit sind, Verantwortung zu übernehmen.
Bunde zwischen Kirche und Windmühle
Anschließend setzte ich meine Rundreise nach Bunde fort. Im Ortskern hielt ich an der evangelisch-reformierten Kirche. Die ehemals dem heiligen Martin geweihte Kirche gehört zu den bedeutenden Kreuzkirchen Ostfrieslands. Ihr Langhaus entstand bereits zu Beginn des 13. Jahrhunderts, Querschiff und Chor wurden später ergänzt.
Nicht weit entfernt erhebt sich die Bunder Windmühle, ein vierstöckiger Galerieholländer. Wie Kirchtürme waren auch Windmühlen weithin sichtbare Landmarken. Sie kündigten einen Ort schon aus großer Entfernung an und erinnerten daran, dass der Wohlstand der Marsch eng mit Landwirtschaft, Korn und Windkraft verbunden war.
Allzu lange durfte ich mich jedoch nicht aufhalten. In Weener wartete ein besonderer Termin, und ein Orgelkonzert beginnt nun einmal nicht später, nur weil ein Reisender unterwegs zu viele schöne Motive entdeckt.
Orgelklänge in Weener
Mit etwas höherem Tempo ging es weiter. In Weener blieb dennoch Zeit für einen kurzen Blick auf die katholische St.-Joseph-Kirche und den Kaakebogen. Die Kaake war einst Markt- und Gerichtsplatz; der Bogen bei der Georgskirche markierte die Grenze zwischen weltlichem Marktbereich und kirchlichem Raum.
Dann erreichte ich die Georgskirche – pünktlich und voller Erwartung. Die um 1230 errichtete Kirche ist seit dem 16. Jahrhundert evangelisch-reformiert. Ihr Innenraum ist entsprechend schlicht gestaltet. Umso eindrucksvoller wirkt der farbenprächtige Orgelprospekt.
An diesem Nachmittag nahm Eckhart Kuper am Spieltisch Platz. Bereits mit den ersten Tönen veränderte sich die Atmosphäre. Werke von Händel und Bach erfüllten den Raum. Mal erklangen sie klar und beinahe tänzerisch, dann wieder mächtig, feierlich und von einer Tiefe, die nicht nur zu hören, sondern körperlich zu spüren war.
Die Orgel wurde 1709 und 1710 von Arp Schnitger erbaut und später von Johann Friedrich Wenthin erweitert. So verbindet sie unterschiedliche Epochen norddeutscher Orgelbaukunst. Die hervorragende Akustik ließ selbst feinste Klangfarben deutlich hervortreten. Für eine Stunde schien der lange Weg vergessen. Es gab nur noch Musik, Raum und Klang.
Eine Begegnung, die nachhallt
Nach dem Konzert kam ich mit Winfried Dahlke ins Gespräch – der zweiten Persönlichkeit, die diesen Reisetag entscheidend prägte. Schon nach wenigen Sätzen wurde deutlich, dass ich es mit einem außergewöhnlichen Kenner der ostfriesischen Orgellandschaft zu tun hatte.
Winfried Dahlke ist Landeskirchenmusikdirektor der Evangelisch-reformierten Kirche und künstlerischer Leiter des Organeums. Seit vielen Jahren widmet er sich der Orgeldenkmalpflege, begleitet Restaurierungen und setzt sich für die Ausbildung von Organisten ein.
Freundlicherweise schloss sich eine kleine Führung durch das Organeum an. Die Einrichtung befindet sich in einer restaurierten Villa nahe der Georgskirche. Zur Sammlung gehören historische Orgeln, Cembali, Clavichorde, Hammerklaviere, Harmonien und Orgelmodelle. Doch das Organeum ist weit mehr als ein Museum. Es ist Akademie, Forschungsort, Klangwerkstatt und lebendiges Zentrum der ostfriesischen Orgelkultur.
Bei einer Vorführung konnte ich erleben, wie unterschiedlich historische Tasteninstrumente klingen und auf welche Weise ihre Töne entstehen. Winfried Dahlke erklärte nicht nur technische Zusammenhänge. Er vermittelte jene Begeisterung, die entsteht, wenn jemand seine Aufgabe mit echtem innerem Feuer erfüllt.
Diese persönliche Begegnung wurde zu meinem zweiten Höhepunkt. Das Konzert allein wäre bereits ein außergewöhnliches Erlebnis gewesen. Doch das anschließende Gespräch und die Führung ließen mich hinter die sichtbaren Pfeifen und kunstvollen Gehäuse blicken.
Ich verstand nun besser, wie viel Wissen, handwerkliche Sorgfalt und beharrliche Denkmalpflege notwendig sind, damit ein jahrhundertealtes Instrument noch heute erklingen kann. Eine historische Orgel ist kein stummes Ausstellungsstück. Sie lebt erst dann wirklich, wenn Luft durch ihre Pfeifen strömt und ein Musiker ihr eine Stimme gibt.
Heimkehr in der Dämmerung
Nach einer herzlichen Verabschiedung führte mich mein Weg hinunter zum historischen Hafen von Weener. Das Hafenbecken mit seinen Bürgerhäusern, Speichern und Traditionsschiffen besitzt eine ganz eigene Atmosphäre.
Inzwischen hatte sich der Tag merklich geneigt. Die Wolkendecke war noch immer geschlossen, doch am Horizont mischte sich ein matter silbriger Schimmer unter das Grau. Noch einmal führte die Strecke an Schafherden vorbei, während sich langsam die Abenddämmerung über die Wiesen legte.
Das gleichmäßige Geräusch meines Zuggerätes begleitete mich zurück nach Leer. Die vielen Kilometer waren nun zu spüren, doch stärker als die Müdigkeit war die Dankbarkeit für diesen Tag.
Meine Rundreise durch das Rheiderland hatte mir eine Region gezeigt, die von Weite und Stille geprägt ist und zugleich einen erstaunlichen Reichtum an Geschichte besitzt. Alte Kirchen, ein mittelalterliches Steinhaus, restaurierte Höfe und eine weltberühmte Orgel erzählten von Glauben, Macht, Landwirtschaft, Handel und Musik.
Vor allem aber waren es die Begegnungen, die diesem Tag seine Seele gaben: Herr Brümmer, der historische Substanz bewahrt und mit neuem Leben erfüllt, sowie Winfried Dahlke, der sich mit außergewöhnlicher Hingabe für den Erhalt der ostfriesischen Orgelkultur einsetzt.
Als ich schließlich wieder die Ems überquerte und die Lichter von Leer näherkamen, wusste ich: Das Rheiderland ist keine Landschaft, die man lediglich durchfährt. Man muss sich Zeit für sie nehmen, ihren Geschichten zuhören und sich auf ihre leisen Augenblicke einlassen. Dann entfaltet sie eine Tiefe, die weit über den sichtbaren Horizont hinausreicht.
„Das Rheiderland bleibt – in Bildern, Begegnungen und Klängen.“
Wenn dieser Bericht Lust gemacht hat, das Rheiderland selbst zu entdecken, dann hat er sein Ziel erreicht. Für die vielen positiven Kommentare und die gedankliche Begleitung auf dieser Tour sage ich herzlich Danke.
In diesem Sinne – bleibt gesund, aufmerksam und reiselustig.
Hans - Jürgen
























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