
Vom Wangerland bis Dangast: Burgen, Mühlen, Kunst & Natur
Hallo zusammen,
das Wangerland gehört zu jenen Landschaften, die man nicht einfach bereist, sondern erlebt. Zwischen Windflüstern, weitem Horizont und der stetigen Nähe des Meeres entfaltet sich eine stille, tiefgehende Schönheit, die sich besonders jenen zeigt, die bereit sind, einen Moment länger hinzuschauen.
Dieser Reisebericht folgt eine solchen Linie – eine Rundtour, die in Horumersiel beginnt, über Küstenwege, Sielbauwerke, Mühlen, Güter und historische Häfen führt und schließlich genau dorthin zurückkehrt, wo der Blick auf den Hafen den ersten Impuls gab, aufzubrechen. Es ist ein Weg, der Natur, Geschichte und Gefühl miteinander verwebt; ein Weg, der nicht nur Orte verbindet, sondern auch Eindrücke, leise Emotionen und das kleine stille Staunen, das die Nordsee so oft in einem weckt. Insofern seid ihr hiermit herzlich eingeladen, mich auf dieser etwas längeren Rundreise zu begleiten und sofern ihr etwas Zeit habt, kann die Reise auch direkt beginnen.
Aber von Anfang an…
Der Tag begann in Horumersiel, früh genug, um den Hafen noch in dieser besonderen Stille zu erleben, die unmittelbar nach dem Morgengrauen auf dem Wasser liegt. Ein sanftes Licht breitete sich über den Booten aus, als hätte sich die Sonne entschlossen, den Tag nicht zu stören, sondern ihn langsam aus dem Schlaf zu heben. Das leise Schlagen der Taue gegen die Masten, das Rufen vereinzelter Möwen und das ruhige Plätschern der Nordsee bildeten eine Atmosphäre, die zugleich beruhigt und belebt.
Es ist ein Ort, an dem die Zeit stillzustehen scheint – nicht, weil nichts geschieht, sondern weil die Welt hier in einem sanfteren Rhythmus atmet. Der Blick über das Hafenbecken, die bewegungslosen Boote und die schimmernde Oberfläche des Wassers weckte ein Gefühl von Freiheit, das typisch ist für das Wangerland – eine Freiheit, die nicht laut wird, sondern sich leise in Gedanken ausbreitet.


Hinter dem Hafen führt der Weg am Schöpfwerk vorbei, dieses funktionale Bauwerk steht mitten im Grün und wirkt beinahe wie ein solider Anker in einer Welt aus Wind, Wasser und wechselnden Gezeiten. Sobald das Schöpfwerk passiert ist, öffnet sich der Küstenweg nach Hooksiel – und damit eine Szenerie, die so typisch norddeutsch ist, dass sie fast poetisch wirkt: endlose Salzwiesen, die sich wie ein Teppich erstrecken, durchzogen von glitzernden Prielen, zahlreichen unermüdlichen Schafe, die für die Erhaltung des Deiches sorgen, der sich sanft durch die Landschaft zieht und ein Himmel, der größer wirkt als anderswo.
Der Wind trägt den Duft der Nordsee heran, mal frisch, mal leicht salzig. Die Luft ist klar, die Farben intensiv. Wer hier wandert oder fährt, spürt automatisch, wie sich die innere Spannung löst. Man hat das Gefühl, sich nicht nur körperlich, sondern auch gedanklich zu bewegen – hinaus aus dem Alltag, hinein in eine Landschaft, die mit jedem Schritt weiter wird.
Je näher Hooksiel kommt, desto deutlicher zeigt sich der Wechsel von Natur zu einem kleinen Küstenort. Erste Häuser erscheinen hinter dem Deich, die Geräusche des Hafens werden lauter und mischen sich mit Stimmen, Gelächter und dem Knistern der Sonnenschirme vor dem Restaurant.

Der Historische Hafen wirkt wie ein Herzstück des Ortes. Hier liegen historische und moderne Schiffe eng beieinander – wobei das auf der gegenüberliegenden Seite ausgestellte „Mudderboot“ eine besondere Betrachtung verdient, sorgte es doch über Jahrzehnte für eine einwandfreie Nutzung des Hafens. Die alten Balken von Kais und Pollern mit dem Alten Packhaus im Hintergrund zeigen Spuren vergangener Jahrzehnte – man spürt förmlich, wie vor langer Zeit Fischer, Seeleute und Händler über das Kopfsteinpflaster gegangen sein mussten. Es ist ein Ort, der Melancholie und Lebendigkeit miteinander verbindet – die Erinnerung an vergangene Zeiten schwingt in jedem Detail mit und doch pulsiert das Leben sanft durch die Gassen.
Der weitere Weg führt hinter Hooksiel ins Inland, wo die Landschaft sich erneut wandelt. Felder breiten sich aus und alte Gehöfte stehen ruhig am Wegesrand. Die Stille ist weniger die eines unberührten Ortes als die eines Landes, das Ruhe zu seinem Wesen gemacht hat. Nach einiger Zeit erscheint Burg Kniphausen. Der Name klingt imposanter, als der Ort tatsächlich wirkt – nicht, weil er klein wäre, sondern weil die Anlage eine besondere Zurückhaltung ausstrahlt. Eingebettet in einen alten Baumbestand wirkt der Landsitz fast wie eine Oase inmitten der Weite.
Es ist ein Ort, der leise Ehrfurcht weckt. Die Mauern erinnern an Zeiten, in denen Friesenhäuptlinge herrschten und Handel, Politik und Machtkämpfe den Alltag bestimmten. Doch nun liegt über allem eine sanfte Ruhe, wer hier steht, spürt den Atem vergangener Epochen, ohne von ihnen erdrückt zu werden mit einem Hauch Nostalgie in der Luft. Hinter Kniphausen führt der Weg wieder Richtung Küste. Es ist ein allmähliches Annähern: die Luft verändert sich, der Wind wird feuchter, das Licht heller. Und dann öffnet sich die Landschaft erneut und in der Ferne beginnt der Jadebusen zu glitzern.


Dangast empfängt seine Besucher mit einem beinahe künstlerischen Charme. Die Häuser, die Strände, das Licht – aller wirkt wie ein Aquarell, das der Tag langsam ausmalt. Dangast ist kein Ort, der sich laut präsentiert, er wirkt eher wie jemand, der vieles zu erzählen hätte, aber lieber darauf wartet, dass man selbst zu fragen beginnt.
Am Wasser herrschte eine beruhigende Stimmung, Kinder spielten am Stand, Menschen sitzen auf Bänken oder in den nahen Restaurants und schauen hinaus, wobei der Jadebusen weit offen daliegt. Und wer seinen Blick etwas länger auf dem Sandstrand verweilen lässt, entdeckt dort auch einige künstlerische Kuriositäten. Vorbei am Schöpfwerk ist nahezu am Ortsrand ein Gebäude zu finden, welches den künstlerischen Anspruch verdeutlicht – das Wohnhaus des Künstlers Franz Radziwill, der bis zu seinem Tod im Jahre 1983 in Dangast lebte und arbeite. In dieser langen Schaffensperiode sind über 850 Ölbilder und 2000 Aquarelle entstanden, von denen auch ein Teil in der Ausstellung zu besichtigen sind.
Das Dangaster Siel wirkt unscheinbar, ist aber ein zentrales Element der Küstenlandschaft. Es verbindet das Binnenland mit dem Deich- und Sielsystem, dass seit Jahrhunderten Leben und Landwirtschaft ermöglicht. Hinter dem Siel wird es deutlicher stiller. Die Wege sind schmal, die Häuser vereinzelt und die Felder ziehen sich weit in die Landschaft hinein. Das Licht spiegelt sich in den Gräben, die wie silberne Linien durch das Gras schneiden.


Der kleine Ort Neustadtgedöns ist ein charmantes Kuriosum – ein Name, der schmunzeln lässt und ein Flecken, der versteckt, leise und gelassen wirkt. Kein Ort, der Aufmerksamkeit fordert, aber einer, der mit jedem Blick vertrauter wird. Der erste Blick fällt dabei auf die Oberahmer Peldemühle, ein aus dem Jahre 1764 stammender zweistöckiger Gallerieholländer mit einer seltenen doppelten Windrose. Auch das leicht hinter Baumbestand versteckt gelegene Waagehaus am ehemaligen Sielhafen ist eines näheren Blickes wert, denn sämtliche Waren wurden dort gewogen und dienten den Herren von Gedöns als wichtige Einnahmequelle.
Die unweit entfernte und etwas abseits gelegene Weldelfelder Wassermühle gehört zu den Orten, die man nicht vergisst. Diese Mühle ist heute die einzige noch erhaltene, voll funktionsfähige Wasserschöpfmühle im Landkreis Friesland, von der Mühle wird eine Entwässerungsfläche von 400 ha abgedeckt und das bereits seit 1844. Hier erlebt man eine Emotion, die vom dezenten Plätschern und einer zarten Brise noch unterstützt wird – ein Gefühl von Frieden.
Und dann am Rande von Sande und direkt am Ems – Jade – Kanal gelegen, erhebt sich das Gut Altmarienhausen, welches schon 1564 von der Landesherrin Fräulein Maria von Jever errichtet wurde, von dem einstigen Schloss ist heute nur noch der markante Marienturm und der alte Brunnen erhalten geblieben. Neben dem leckeren Angebot von Kaffee und Kuchen bildet das „Küsteum“ das Herzstück der Anlage, eine Ausstellung zu Kultur, Handwerk, Landwirtschaft und Küstenschutz. Das Highlight stellt dabei die voll funktionsfähige historische Schmiede dar, in der bei meinem Besuch kräftig der Hammer geschwungen wurde. Als ich weiterfuhr, begann sich der Himmel leicht zu färben – ein erster Hinweis darauf, dass sich der Tag langsam neigt und doch lag noch ein gutes Stück vor mir.
Der Weg nach Accum führt durch ländliche Stille. Die Mühle des Ortes wirkt wie ein Gruß aus der Vergangenheit und die Häuser liegen ruhig am Rande der Felder. Die Geräusche sind reduziert auf Wind, Vogelstimmen und das Rascheln der Vegetation, dazu passt auch ein Schlenker zur St. Willehad – Kirche in Accum. Die 1719 erbaute Kirche ist die einzige reformierte Kirche in der ansonsten lutherischen Landeskirche.
Es schloss sich ein sehenswerter Blick auf die Accumer Mühle an, deren Ursprung sich bis ins Jahre 1746 zurückverfolgen lässt. In diesem aus Mühle, Scheune und Backhaus bestehendem Ensemble lässt sich in der Ausstellung der Werdegang vom Korn zum fertigen Brot hautnah verfolgen. In Schortens – an der niedersächsischen Mühlenstraße – setzt sich die Windmühle Sillenstede in Szene, deren Ursprung sich bis ins Jahr 1862 zurückverfolgen lässt. Nach mehreren Umbauten und Besitzerwechseln wird sie heute u.a. als Wohnraum genutzt.
Die folgenden Kilometer zurück nach Hooksiel führen durch eine Landschaft, die mit dem Licht des späten Tages weicher erscheint. Der Himmelbekommt Pastelltöne, die Luft wird kühler und die Stimmung wechselt von lebendig zu ruhig – ein natürlicher Übergang Richtung Abend.
Und dann ein unerwartetes tierisches Hindernis in der Nähe von Waddewaren, konnte ich doch einem Viehtrieb von der Weide in den Stall in Sichtkontakt beiwohnen. Bei dem sich anschließenden Gespräch wurde ich zu einem kleinen Rundgang in die Stallungen eingeladen, dieses herzliche Erlebnis wird mir lange in Erinnerung blieben.


Als der Weg erneut nach Horumersiel führt, liegt der Hafen im milden Abendlicht. Die Boote schaukeln leicht, die Wasseroberfläche glitzert im letzten Sonnenstrahl und über allem liegt dieses typische norddeutschen Gefühl von Frieden. Der Tag endet dort, wo er begann – aber die Eindrücke haben ihn verwandelt, denn irgendwo in mir war dieser leise romantische Gedanke, der mich den ganzen Tag begleitet hat. Vielleicht, dachte ich, sind manche Reisen nicht nur Wege durch Landschaften, sondern Wege zu etwas Schönem, das man in sich trägt. Es sind leise Gefühle, aber echte. Nicht überwältigend, sondern wohltuend. Genauso, wie das Wangerland selbst.
Ich hoffe, die vielfältige Reise durch Ostfriesland hat euch gefallen und ich konnte eine Anregung schaffen, diese Region in Eigenregie zu besuchen. In diesem Zusammenhang bedanke ich mich auch für die vielen positiven Kommentare und bei den neuen Followern und vielleicht folgt ihr auch dieser Seite, dann seid ihr immer informiert, wenn Hans – Jürgen wieder rollt.
In diesem Sinn, bleibt gesund und munter
Hans – Jürgen
Impressionen








Mehr Reiseberichte von Hans-Jürgen rollt findet ihr auf seinem Facebookkanal und unter ostfriesland.travel.
Förderprojekt WattenVision
Dieser Beitrag wurde im Rahmen des Interreg VI A-Förderprojekts WattenVision ermöglicht. Das Projekt läuft von Juni 2024 bis Mai 2028. Zehn Partner aus Deutschland und den Niederlanden - darunter die Ostfriesland Tourismus GmbH - arbeiten gemeinsam daran, eine grenzübergreifende Modellregion für nachhaltige Entwicklung und Naturerleben zu schaffen. Schwerpunkte liegen in der Messbarkeit von Nachhaltigkeit, der Entwicklung von CO2-Kompensationsmodellen, neuen Natur- und Wildniserlebnissen sowie Maßnahmen zur Förderung der Biodiversität im Wattenmeerraum.
Gefördert durch Europäische Fonds für regionale Entwicklung (EFRE), MB Niedersachsen und die Provinzen Fryslân und Groningen.








Kommentar schreiben
Kommentare
Keine Kommentare