Von Norddeich auf der "Roten Route" durchs Norder- und Brookmerland

Das Sammelbecken am Schöpfwerk Leybuchtsiel ©Hans-Jürgen Rohe

Hallo zusammen,

zwischen weitem Himmel und endlosen Horizonten liegt eine Landschaft, die den Atem entschleunigt und das Herz weit werden lässt – das Norder- und Brookmerland. Hier, wo der Wind Geschichten von der Nordsee heranträgt, wo grüne Wiesen in stillen Kanälen ihr Spiegelbild finden und alte Mühlen von vergangenen Zeiten erzählen, beginnt eine Reise durch das stille, ursprüngliche Ostfriesland. Die Dörfer wirken wie gemalt – rote Backsteinhäuser, üppige Weiden und Kirchtürme, die schon aus der Ferne grüßen. Wer hier unterwegs ist, folgt nicht nur Wegen, sondern auch dem gemächlichen Rhythmus einer Region, die Zeit und Raum anders misst – in Gezeiten, in Möwenschreien, in der stillen Weite zwischen Land und Meer. Bereit mit mir gemeinsam auf der „Roten Route“ diesen reizvollen Landstrich näher kennenzulernen…? Dann kann es auch direkt losgehen.

Aber von Anfang an…

Den Anfang macht dabei ein sehr repräsentatives Gebäude, wobei die Bezeichnung arg untertrieben ist, denn der erste Blick – umrahmt von üppigem Blätterwerk fällt dabei auf die Vorburg von Schloss Lütetsburg – benannt nach ihrem Erbauer, dem Häuptling Lütet Manninga. Er ließ im 14. Jahrhundert ein altes Steinhaus zur einer Burganlage umbauen und verlegte den Familiensitz nach Lütetsburg. Das Häuptlingsgeschlecht Manninga starb mit dem letzten Häuptling Unico Manninga 1588 aus und durch Heirat seiner einzigen Tochter Hyma gelangte es in den Besitz der späteren Grafen und Fürsten zu Inn- und Knyphausen und das bis zum heutigen Tage.

Beim Rundgang fällt auch das mächtige Portal in der Mitte der Vorburg auf und bei einem kecken Blick über die Spitzen des Eingangstores ist auch das Schloss Lütetsburg im Hintergrund zu erkennen. Obwohl Schloss Lütetsburg in seiner Geschichte mehrfach von kriegerischen Zerstörungen heimgesucht wurde – blieb sein besonderer Charakter stets bewahrt. Heute gilt es als Ort, an dem Geschichte lebendig wird, eingebettet in eine Landschaft, die den Besucher mit stiller Romantik empfängt, dazu trägt auch der weitläufige Schlosspark bei, der zu den bedeutendsten englischen Landschaftsgärten Norddeutschlands zählt.

Der Eingang, der über den Wassergraben zum Schloss Lütetsburg führt. ©Hans-Jürgen Rohe
Das Eingangsportal von Schloss Lütetsburg. ©Hans-Jürgen Rohe

Nur ca. 2,5 km entfernt ist die Burg Berum zu finden und die ebenfalls als alter Häuptlingssitz eine bedeutende Rolle in der ostfriesischen Geschichte einnimmt. Denn der Greetsieler Häuptling Ulrich Cirksena erbte 1441 die Burg und baute sie später zu einem Schloss mit einer Vorburg aus. Im 17. Jahrhundert erfolgten weitere Umbaumaßnahmen, in deren Folge die Burg Berum zu einem der prächtigsten fürstlichen Schlösser wurde. Heute ist nur noch die Vorburg, sowie der Torturm mit der barocken Tordurchfahrt erhalten, in dessen Giebel das württembergische Wappen der Fürstin Christine Charlotte an längst vergangene Zeiten erinnert. 

Turm von Burg Berum mit grüner Vegetation rund herum und breitem Burggraben.
Eine nahezu verwunschene Atmosphäre an der Burg Berum, deren Geschichte bis in das 14. Jahrhundert zurück geht. ©Hans-Jürgen Rohe

Der nächste Halt galt der St. – Ansgari – Kirche in Hage, deren Bau wahrscheinlich zum Ende des 12. Jahrhunderts begann. Die aus dem Lot geratenen Proportionen sind Baufehlern geschuldet, in dessen Verlauf die Langhauswände immer instabiler wurden, insbesondere war davon die Südwand betroffen, die Sturmflut im Jahre 1992 verstärkte diesen Effekt. Durch Bohrpfähle wurde die Südwand neu gegründet, was die Bausubstanz nachhaltig sicherte, und somit blieb die Kirche als Zeitzeugin der Nachwelt erhalten.

Was fehlte bisher – was so typisch für Ostfriesland ist – natürlich Windmühlen. Ein schönes Exemplar aus dieser vergangenen Epoche ist in Leezdorf zu finden, ein zweistöckiger Galerieholländer aus dem Jahre 1896, der bis in das Jahr 1985 seinen Dienst versah.

Rote Backsteinkirche mit breitem Kirchturm umgeben von einer roten Backsteinmauer.
Die St. Ansgari-Kirche in Hage, benannt ist sie nach dem Bischof Ansgar von Bremen, der auch den Beinamen "Apostel des Nordens" trug.
Mühle umgeben von roten Backsteinhäusern mit weißen Sprossenfenstern.
Die Bartlingsche Mühle in Leezdorf, die bis in das Jahr 1985 betrieben wurde und heute vom Heimatverein als Ausstellungsraum genutzt wird.

 …und dann begegnen wir auf dieser Tour einem Kuriosum, der meines Wissens einmalig in dieser Region ist. Ein sogenannter Kuhtunnel, der unter der Straße „Am Sandkasten“ verläuft und dem Milchvieh einen völlig ungehinderten Zugang zu den Stallungen ermöglicht, ohne jegliche Verkehrsbeeinträchtigungen – was es alles gibt.

Vorbei an Kühen, die sorgsam über ihren Nachwuchs wachten, führte eine kleine Waldetappe zum nächsten Ziel – nämlich „Ulferts Börg“. Es handelt sich dabei um eine hochmittelalterliche Burg, im Laufe der Zeit wurde das Anwesen immer wieder erweitert, dabei sticht das um 18.Jahrhundert geschaffene Barockportal besonders hervor. Die ältesten Teile dieser Anlage werden um 1430 datiert, insofern zählt das Gebäude zu den ältesten Steinhäusern Ostfrieslands.

Heuballen und grüne Wiese, durchbrocken von einem eingezäunten Weg für Kühe.
Wohl einmalig in dieser Region, ein sogenannter Kuhtunnel, der unter der Straße "Am Sandkasten" herführt und dem Vieh einen problemlosen Zugang zu den Stallungen ermöglicht.
Rotes Steinhaus mit weißen Sprossenfenstern. Hochmittelalterliche Burg Ulferts Börg.
Ulferts Börg, eine hochmittelalterliche Burg die bei Marienhafe zu finden ist, deren älteste Teile um 1430 stammen und somit zu den ältesten Steinhäusern Ostfriesland zählt. ©Hans-Jürgen Rohe

Wenig später erinnert ein Gedenkstein an die ehemals rauen Zeiten von Ostfriesland. An diesem Ort kam es im Oktober 1427 zu einer grausamen und blutigen Auseinandersetzung, die als „Schlacht auf den wilden Äckern“ Einzug in die Geschichte nahm und das Ende der Herrschaft von Ocko tom Brok über Ostfriesland besiegelte.

Nun übernahm wieder eine Zeitlang die idyllische Natur die Regie und dann ist wie im Leben, wo Licht ist – ist auch Schatten. Denn mit dem Erreichen von Engerhafe schlagen wir ein sehr düsteres Kapitel in der Geschichte von Ostfriesland auf, hier stand das ehemalige KZ – Außenlager. In der Zeit vom 20.10. bis zum 22.12.1944 waren hier etwa 2.000 KZ – Häftlinge aus ganz Europa untergebracht, die unter erbärmlichen Bedingungen einen Panzergraben zur Sicherung von Aurich ausheben musste. Eine Maßnahme, die für den weiteren Kriegsverlauf jedoch völlig bedeutungslos war. In dieser kurzen Zeit starben 188 Häftlinge, die auf dem örtlichen Friedhof in Engerhafe beigesetzt wurden. Es gibt heute keine sichtbaren Überreste mehr, stattdessen gibt eine Stele und ein Tastmodell Auskunft über das ehemalige Lager. Dazu befindet sich im Alten Pfarrhaus eine Ausstellung, die das Gedenken an diese Zeit bewahrt.

Gedenkstein auf Waldlichtung.
Raue Zeiten in Ostfriesland - dieser Gedenkstein erinnert an die historische Schlacht, die am 28.10.1427 auf den Wilden Äckern zwischen Upgant und Fehnhusen stattfand. Auslöser waren Machtkämpfe um die Vorherrschaft von Ostfriesland. ©Hans-Jürgen Rohe

 Es schloss sich nun ein naturgeprägter Abschnitt an, der dazu beitrug, Abstand von dem zuvor bedrückenden Aufenthalt zu bekommen und nach einer Weile war auch das nächste Ziel dieser Reise erreicht, wo mich bereits Bonno Focken, ein Mitglied des Kirchenvorstandes erwartete. In dem interessanten Gespräch erfuhr, das die ursprüngliche Kirche 1819 so baufällig war, dass sie abgerissen werden musste. Die heutige Kirche ist ein Ergebnis vom Einsatzwillen der Siegelsumer, denn einige Gemeindemitglieder verpfändeten ihr gesamtes Vermögen, um den Wiederaufbau 1882 zu ermöglichen mit den Steinen der alten Kirche. Ein Chor erfolgte aus Kostengründen erst im Jahre 1888, schwache Fundamente und mooriger Unterboden – ein Schicksal, das einige Kirchen teilen – führte allerdings zur Entfernung des Chores im Jahre 1948. Der stilvolle Altar im Hintergrund wurde 1888 vom Tischler Ockels aus Leer angefertigt.

Unterhaltung zwischen zwei Männern in einer kleinen Kirche.
Im Gespräch mit Bonno Focken, einem Mitglied des Kirchenvorstandes von Siegelsum im Innenraum der Kirche. ©Hans-Jürgen Rohe
Kleine Backsteinkirche umgeben von gepflegtem Park.
Die kleine, aus dem Jahr 1822 stammende Kirche in Siegelsum. ©Hans-Jürgen Rohe

Alsdann setzte sich die Sterrenberg´sche Windmühle in Upgant – Schott in Szene, die bis in das Jahr 1991 in Betrieb war, fast schon Postkartenidylle verbunden mit einem Einzug in die Galerie.

Mittlerweile war Marienhafe erreicht mit der stadtbildprägenden Marienkirche als Ziel und die gleichzeitig eines der bedeutendsten Bauwerke Ostfriesland darstellt. Errichtet wurde sie im 13. Jahrhundert als gewaltige Backsteinhallenkirche, die damalig zu den größten Kirchen der Region gehörte. Ursprünglich besaß sie einen mächtigen, rund 78 m hohen Turm, der nicht nur als Glockenturm, sondern auch als Seezeichen für die Schifffahrt diente – denn damals reichte die Leybucht bis unmittelbar an das Gebäude heran. Besonders bekannt ist die Kirche durch ihre Verbindung zu dem Seeräuber Klaus Störtebecker, der hier im späten 14. Jahrhundert Unterschlupf gefunden haben soll, weshalb der Kirchturm heute noch seinen Namen trägt.

Im Laufe der Zeit wurde die Kirche mehrfach verkleinert, sodass heute nur noch ein Drittel des anfänglichen Bauwerks erhalten ist. Dennoch vermittelt die Marienkirche mit ihrem wuchtigen Turm und ihrem eindrucksvollen gotischen Innenraum bis heute einen Eindruck von der einstigen Pracht und Bedeutung.

Großer, eckiger Backsteinturm einer Kirche.
Ausblick auf die Marienkirche in Marienhafe, die bis zu ihrem Teilabbruch 1829 der größte Sakralbau in Ostfriesland gewesen ist und den Erzählungen nach dem Seeräuber Klaus Störtebecker eine Zeitlang Unterschlupf gewährt hat. ©Hans-Jürgen Rohe
Kirchengewölbe aus rotem Backstein mit blauen Bänken und Orgel im Hintergrund.
Der Blick durch das langgezogene Kirchenschiff auf die Kanzel und den Altar. ©Hans-Jürgen Rohe

Kurze Zeit später ist auch das letzte sakrale Monument dieser Tour erreicht, die Warnfried – Kirche in Osteel im Brookmerland, dessen Baubeginn im 13. Jahrhundert stattfand. Leider verfiel die Kirche im 17. und 18. Jahrhundert zusehends, so dass 1830 ein Umbau erforderlich war, wodurch die Kirche ihr heutiges Erscheinungsbild bekam.

Nach einer kleinen Auszeit am Leybuchtsiel erreichen wir nach einer Etappe durch die Mittelmarsch im Stadtzentrum von Norden das letzte historische Monument auf der „Roten Route“ – das Alte Rathaus, in dem das Ostfriesische Teemuseum mit einer sehr sehenswerten Ausstellung untergebracht ist – aber das wird bald eine andere Geschichte.

Weite Landschaft und Wiese auf der Kühe grasen mit kleinem Gewässer.
Entspannte tierische Atmosphäre an einem Siel in der Mittelmarsch.

Nun ist die „Rote Route“ zuzusagen beendet und die letzte Etappe stand nun unter dem Motto – auf zur Nordsee. Vorbei an einem Siel, entlang an einer Pferdekoppel, ein kurzer Blick auf das Wahrzeichen Nordsee und dann war er erreicht, der Holzbohlensteg, der mich direkt zur Promenade von Norddeich führte. Durch die fortgeschrittene Uhrzeit waren die meisten Strandkörbe bereits verlassen, ideale Voraussetzungen, um die vielen Eindrücke nochmals gedanklich Revue passieren zu lassen. 

Breiter Holzsteg zum Strand unter blauem Himmel. Im Hintergrund das Meer.
Bisweilen führen auch Holzwege zu schönen Zielen, in diesem Fall an die Promenade von Norddeich. ©Hans-Jürgen Rohe
Verlassener Strand mit Strandkörben am späten Nachmittag bei blauem Himmel.
Allmählich neigt sich nun der Tag dem Ende zu und die Besucher genießen noch die einkehrende Ruhe. ©Hans-Jürgen Rohe

Gemächlich tauchte der Sonnenuntergang das Deck in ein romantisches Flair und ließ nun der Poesie freien Lauf: „Denn wenn die Sonne an der Nordsee im Meer versinkt, küsst das Licht den Horizont – und der Tag flüstert leise sein letztes Liebesgedicht.“

Ich hoffe, die Tour durch das ursprüngliche Ostfriesland mit den unterschiedlichen Eindrücken hat euch gefallen und ich konnte damit eine Inspiration für einen Besuch in Eigenregie schaffen. Gleichzeitig bedanke ich für die vielen positiven Kommentare und bei den neuen Followern und vielleicht sehen wir uns beim nächsten Abenteuer wieder…

In diesem Sinne, bleibt gesund und munter 

Hans - Jürgen

Mann im Rollstuhl mit Handbike bei Sonnenuntergang am Meer.
Genussvoller Ausklang an der Plattform vom Deck in Norddeich, einfach abschalten - die Seele baumeln lassen und genießen... ©Hans-Jürgen Rohe

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