
Wunderbares Wangerland
Hallo zusammen,
Manchmal beginnt eine Reise nicht mit einem Schritt, sondern mit einem Atemzug – salzig, kühl und voller Versprechen. Dort, wo die Nordsee den Horizont berührt und der Wind Geschichten aus vergangenen Jahrhunderten über die Deiche trägt, liegt ein Landstrich, der auf den ersten Blick still wirkt – und doch voller Stimmen ist. Stimmen von Häuptlingen und Herzoginnen, von Kaufleuten und Handwerkern, von Sturmfluten und Freiheitsdrang.
Diese Tour führt durch ein Friesland, das mehr ist als grüne Weiden und weites Watt. Sie verbindet die raue Küste von Horumersiel mit uralten Kirchen, kunstvollem Blaudruck, stolzen Bürgerhäusern und einem Schloss, das von Macht, Mut und Eigenwilligkeit erzählt. Jeder Ort öffnet ein neues Kapitel – hinter jeder Wegbiegung wartet eine Geschichte, die neugierig macht auf das, was war und stauen lässt über, was geblieben ist.
Wer sich auf diesen Weg begibt, wandert nicht nur durch Landschaft – sondern auch durch Zeit. Seid ihr bereit, mich auf dieser abwechslungsreichen Tour zu begleiten? Dann kann es auch direkt losgehen…
Aber von Beginn an…

Ein klarer, salziger Wind empfing mich an diesem Morgen in Horumersiel, jenem kleinen Küstenort im Wangerland, der erst seit dem frühen 20. Jahrhundert als Sielhafenort besteht. Der Name „Siel“ verweist auf jene technischen Meisterleistungen, die seit dem Mittelalter das Leben an der Nordsee bestimmen – Schleusen, durch die das Binnenwasser bei Ebbe ins Meer abfließen konnte. Ohne sie gäbe es die Marsch nicht, kein fruchtbares Land, keine Weiden – nur Watt und Wasser.
Der strahlendblaue Himmel spannte sich weit über das flache Land und irgendwo aus der Ferne drang noch das Geschrei der Möwen an mein Ohr. Von Horumersiel führte mich mein Weg ins stille Hinterland, durch die weiten, grünen Flächen der Gammens Weiden. Die Marschlandschaft breitete sich ein lebendiges Gemälde vor mir aus – Entwässerungsgräben zogen sich schnurgerade durch das Land, Kühe in den verschiedensten Farben lagen geduldig im Gras und das Licht der Nordsee schimmerte selbst hier noch über allem.
Diese Weiden sind ein Produkt jahrhundertelanger Kultivierung. Bereits im 11. Und 12. Jahrhundert begannen friesische Siedler mit der systematischen Eindeichung; im 14. Jahrhundert entstand hier die sogenannte „Friesische Freiheit“, ein Bündnis selbst verwalteter Landesgemeinden. Es ist ein eigenwilliger Stolz, der noch heute im Tonfall der Menschen mitschwingt.

Ein kleiner Abstecher brachte mich zur ehrwürdigen Marienkirche in Oldorf. Sie erhebt sich unscheinbar und doch würdevoll über die Landschaft. Ihr Ursprung reicht bis ins 13. Jahrhundert zurück, als sie auf einem Sockel aus Granitquadern erbaut wurde. Dicke Backsteinmauern, Fenster mit zum Teil spitzbogigen Gewänden – Architektur, die Schutz bot in unruhigen Zeiten. Während beim Betrachten der Wind durch das Blätterwerk strich, dachte ich an die Generationen von Bauern, Seeleuten und Kindern, die hier getauft, verheiratet, verabschiedet wurden. Jede Kirche auf dem friesischen Land ist mehr als nur ein Gotteshaus – sie ist Gedächtnis.
Von Oldorf aus führte mich der Weg über das stille Cildrumer Tief. Ein „Tief“ ist hier kein Abgrund, sondern ein Wasserlauf, oft künstlich angelegt, Teil eines ausgeklügelten Entwässerungssystems. Das Wasser schimmerte in einem tiefen Blau, eingerahmt von niedrigen Büschen und Seerosen, dazu tanzten Libellen über der Oberfläche, ein Ausblick ideal geeignet für eine kleine Pause mit einem Schluck Kaffee aus der Thermoskanne.


Allmählich näherte ich mich Jever, die Silhouette der Stadt hob sich bereits mit ihrem markanten Schlossturm vom Horizont ab, der auch das Wahrzeichen der Stadt bildet und sich auch im Wahrzeichen des Jever Bieres wiederfindet. Jever wurde erstmals 826 urkundlich erwähnt – damals als „Geverae“. Im Mittelalter entwickelte es sich zu einem bedeutenden Handelsort im friesischen Raum – und noch heute spürt man in den Gassen diesen Hauch von Selbstbewusstsein.
Nach einer kleinen Runde durch die Stadt mit Blick auf einige Sehenswürdigkeiten galt mein erster Halt der traditionellen Blaudruckerei Jever. Der Blaudruck ist eine alte Handwerkskunst, deren Ursprünge bis ins 17. Jahrhundert zurückreichen und nur noch acht Betriebe in ganz Deutschland betreiben dieses traditionsreiche Handwerk. Mit hölzernen Modeln, die zuvor in eine grüne klebrige Masse – nach einem ca. 350 Jahre altem Rezept – getaucht wurden, werden Muster in einen Stoff gedrückt und wie man sieht, durfte ich mit großer Begeisterung auch an einem Probestück mitwirken. Anschließend wird der Stoff in ein Indigo – Färbebad getaucht und wo zuvor die schützende Masse aufgetragen wurde, bleibt das Gewebe weiß – so entstehen filigrane Muster in tiefem Blau.
Der Duft von Farbe lag in der Luft und ich durfte zusehen, wie der Stoff langsam aus dem Färbebad gehoben wurde - erst grünlich schimmernd, dann oxidierend zu jenem satten Blau, das seit Jahrhunderten Kleidung und Heimtextilien schmückt. Und daher stammt auch das Sprichwort: „Ein blaues Wunder erleben“. Es war, als würde Geschichte sichtbar. Handwerk, das die Industrialisierung überdauerte. Darüber hinaus erfuhr ich bei meinem Aufenthalt von der Inhaberin Frau Schuhmacher viel Interessantes über diese Handwerkskunst, die damit sehr eloquent zu einem kurzweiligen und spannenden Aufenthalt beitrug – einen Besuch in Eigenregie kann ich sehr empfehlen.



Es war Zeit für die Mittagspause, insofern zog es mich in das Haus der Getreuen, einem historischen Gebäude unweit der Brauerei, welches bereits seit 1836 als Gaststätte genutzt wird. Gestärkt führte mich mein Weg nun ins Jever Brauerei – Museum, hier wird die Geschichte des Bieres lebendig. Denn in den alten Gemäuern wird ein Brauereibetrieb gezeigt, wie er vor rund 100 Jahren typisch war. Bei dem Rundgang werden historische Maschinenanlagen gezeigt und auch die Malzaufbereitung wird umfassend erläutert, dazu Einblicke in die Küferei und Picherei und abgerundet wird der Besuch in einem historischen Braumeisterbüro, wo die Flaschen- und Fassabfüllung erläutert wird und darüber hinaus im Rahmen einer Verkostung die verschiedenen Biersorten probiert werden können.



Und nun begann mit dem Besuch des Schlosses mein persönlicher Höhepunkt des Tages und während ich allmählich über den großzügigen Schlosshof zum Eingang rollte, dachte ich an Maria von Jever, jene außergewöhnliche Frau, die von 1536 bis zu ihrem Tod 1575 über die Herrschaft Jever regierte. In einer Zeit, in der Frauen selten politische Macht innehatten, setzte sie sich klug und entschlossen durch und unter ihrer Regentschaft erhielt Jever 1536 das Stadtrecht und sie sorgte in dieser Zeit für Bildung, Freiheit für Jever und für eine lange Zeit des Friedens.
Die Ursprünge des majestätischen Schlosses liegen im 14. Jahrhundert, als es als Häuptlingsburg errichtet wurde. Später erhielt es unter von Maria von Jever seine repräsentative Renaissancegestalt, dazu ragt der mächtige Bergfried mit seiner barocken Haube fast 70 m in die Höhe. Von oben soll man klarem Wetter bis zur Nordsee blicken können. Beim Rundgang erfuhr ich viel vom höfischen Leben, von politischen Intrigen und vom Wandel der Jahrhunderte. Besonders berührte mich dabei das Audienzgemach mit den prachtvollen Holzausstattung und stellte mir vor, wie Maria hier Entscheidungen traf, Verträge unterzeichnete, vielleicht auch zweifelte. Die vielen Exponate, Räumlichkeiten und auch die zahlreichen Gemälde erzeugten ein sehr authentisches Szenario der damaligen Zeit und ich befand mich dabei gedanklich auf einer spannenden Reise durch die Historie. Geschichte bekommt ein Gesicht, wenn man durch solche Räume geht – denn die Mauern scheinen zu flüstern.
Und tatsächlich bekam die Geschichte kurz danach wirklich ein Gesicht, denn nun stand Maria von Jever tatsächlich leibhaftig vor mir und die authentische Erscheinung war sehr verblüffend, wie das Originalbild belegt. Aber es war keine Sinnestäuschung meinerseits, sondern eine Gästeführerin in einem passenden Gewand, die sich kurzerhand bereit erklärte, bei diesem besonderen Bild mitzuwirken.



Langsam neigte sich der Nachmittag dem Ende zu. Der Rückweg führte mich u.a. an der historischen Windmühle Jever vorbei. Die Galerieholländer – Mühle stammt aus dem Jahre 1862 ist noch heute voll funktionsfähig. Ihre Flügel drehten sich träge im Wind – ein Bild norddeutscher Beständigkeit.
Von Jever zog es mich weiter nach Hooksiel. Ich schlenderte durch die Gassen, vorbei an Gebäuden mit Geschichte, vorbei an kleinen Cafés und Backsteinhäusern. Dabei fällt auch das Geburtshaus von Kapitän Hegemann mit seiner bewegenden Geschichte ins Auge. Denn Hegemann fuhr 1869 mit seinem Schiff „Hansa“ in die Arktis, durch ein Missverständnis blieb die „Hansa“ im Eis stecken und wurde zerdrückt. Durch sein besonnenes Handeln überlebte die ganze Besatzung zuerst 200 Tage auf einer Eisscholle und wurden dann gerettet.
Im historischen Hafen – der 1545 erstmals erwähnt wurde - erinnern die Packhäuser an den Seehandel vergangener Jahrhunderte, denn im 19. Jahrhundert war Hooksiel bedeutender Umschlagsplatz für landwirtschaftliche Produkte. Und bei der kleinen Auszeit im Hafen, begleitet vom Geruch von Salz und Tang und dem Anblick dezent schaukelnder Boote spürte ich eine ganz besondere Ruhe verbunden mit einer leisen Melancholie.



Als die Dämmerung hereinbrach, machte ich mich auf den letzten Abschnitt meiner Tour. Der Himmel bot ein nahezu romantisches Flair, während ich entlang des Deiches zurück nach Horumersiel fuhr.
Ich dachte an die vielen Epochen, die ich an diesem Tag gestreift habe, eine mittelalterliche Kirche, ein Renaissance – Schloss, alte Handwerkskunst, die Kunst vom Bierbrauen und stolze Bürgerhäuser. Alles eingebettet in eine Landschaft, die von Wind und Wasser geformt wurde.
Schließlich erreichte ich wieder den Hafen von Horumersiel. Die Lichter spiegelten sich im dunklen Wasser, die Schafen auf der Deichkrone wurden von der untergehenden Sonne illuminiert und ein Gefühl tiefer Zufriedenheit breitete sich in mir aus. Die Tour war mehr als eine Strecke von A nach B – sie war eine Reise durch Jahrhunderte friesischer Geschichte, durch Freiheitssinn, Handwerkskunst und Küstenleben.
Vielleicht ist es genau das, was mich immer wieder hierherzieht – diese Mischung aus Weite und Verwurzelung, aus Wind und Erinnerung. Friesland erzählt leise – man muss nur bereit sein zuzuhören.
Ich hoffe, die abwechslungsreiche Rundreise durch Friesland hat euch gefallen und ich konnte eine Anregung schaffen, diese Region in Eigenregie zu besuchen. In diesem Zusammenhang bedanke ich mich auch für die vielen positiven Kommentare und bei den neuen Followern und vielleicht folgen auch weitere dieser Seite, dann seid ihr immer informiert, wenn „Hans – Jürgen wieder rollt“.
In diesem Sinne, bleibt gesund und munter
Hans - Jürgen


Impressionen







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Sabrina Schuhmacher - Traditionshandwerk Blaudruck

Weitere Einblicke in das Traditionshandwerk Blaudruck findet ihr in unserem Interview mit Sabrina Schuhmacher.
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