Ein plattdeutsches Kind vom Land

In Ostfriesland sprechen viele Einheimische Plattdeutsch. Plattdeutsch ist als Regional- und Minderheitensprache der Europäischen Charta anerkannt und wird in Ostfriesland sowohl im Berufs- als auch Alltagsleben praktiziert. Für das Reisemagazin Teetied hat uns eine junge Ostfriesin einen spannenden Einblick gegeben, wie sie mit der Sprache aufgewachsen ist.

„Sök, waar is dien Spööltüüg?“ – Ich spaziere mit meinem Hund über eine der vielen landwirtschaftlichen Wege bei uns im Wehrland* – der Weg zieht sich durch eine Landschaft mit saftig grünen Wiesen, schwarzbunten Kühen und einem endlosen Himmel – und will, dass er sein Spielzeug sucht.

Plattdeutsch ist meine Muttersprache. Es wäre unnatürlich für mich, wenn ich mit meinem Hund nicht in dieser Sprache reden würde – auch wenn ich mit den meisten Menschen in meinem Umfeld heutzutage auf Hochdeutsch kommuniziere.

Für den Hund Whiskey ist es gar kein Problem, Plattdeutsch zu verstehen. Seine Besitzerin spricht ausschließlich auf Platt mit ihm.

Hochdeutsch lernte ich erst mit meinem Eintritt in den Kindergarten. Mein engeres Umfeld bestand bis zu diesem Zeitpunkt nur aus „plattdeutschen Menschen“: Mama, Papa, Süster, Bröör, Oma, Opa, Tant, Unkel und mien Vedders.

Meine Eltern kommen beide aus landwirtschaftlichen Familien und es war normal und selbstverständlich für sie, mit ihren Kindern Platt zu sprechen. Doch im Laufe meines Großwerdens habe ich gelernt, dass wir damals eher eine Seltenheit in meinem kleinen Dorf waren.

Während meiner Grundschulzeit hat keines der anderen Kinder mit den Eltern oder Geschwistern Platt gesprochen. Meist haben die Eltern der anderen Kinder untereinander auf Platt geschnackt, aber ihre Kinder auf Hochdeutsch erzogen. Ich bin in Zeiten groß geworden, in der die Ansicht florierte, dass Kinder, welche mit Platt groß werden, dumm seien und am Ende die deutsche Sprache nicht gut beherrschen würden. Meine Familie war jedoch der Ansicht, wir können unseren Kindern besser gutes Plattdeutsch beibringen als schlechtes und grammatikalisch falsches Hochdeutsch.

Auch wenn sich meine Mitschüler teilweise über meine plattdeutsche Sprache lustig gemacht haben, war ich immer stolz darauf. Im Urlaub war es für uns eine Art Geheimsprache. Niemand um uns herum wusste, worüber wir sprechen und die meisten waren fasziniert davon. Ich war eher verwundert darüber, dass die anderen Familien keine Geheimsprache hatten. Dies hat sich erst geändert, als wir mal im tiefsten Bayern waren und wir unsere Gastgeber beim besten Willen nicht verstehen konnten.

Obwohl es für mich selbstverständlich war mit meiner Familie Platt zu sprechen, habe ich es als Kind jedoch nicht geschafft, mit anderen Personen ins Plattdeutsche zu verfallen, selbst wenn diese mich so angesprochen haben. Für mich war Plattdeutsch etwas sehr Intimes. Etwas, was ich nur mit meiner Familie teile, aber nicht mit mir eher fremden Personen. Ich konnte weder mit Freunden meiner Eltern Platt sprechen, noch mit Nachbarn, dem Bäcker, den ich täglich sah oder mit anderen aus kindlicher Sicht „alten Leuten“. Dies änderte sich wahrscheinlich erst nach meiner Schulzeit.

Heute spreche ich bewusst Plattdeutsch mit anderen Menschen, wenn ich weiß, dass es ihre Muttersprache ist. Übrigens hat sich dies sehr gewandelt: Heute sprechen mich viele Ü60-jährige auf Hochdeutsch an und sind sehr überrascht, wenn ich ihnen auf Platt antworte. Sie rechnen einfach nicht damit, dass die jüngere Generation fließend Platt spricht.

Nach meinem Wegzug aus Ostfriesland wurde mir erst so richtig klar, wie besonders es ist, Platt zu sprechen. Ich wurde richtig stolz darauf und habe in Gegenwart meiner Freunde gerne und selbstbewusst gezeigt, dass ich mit meiner Familie eine andere Sprache spreche.

Wenn diese Freunde mich in Ostfriesland besucht haben, waren sie sehr überrascht. Denn an unserem Küchentisch haben sie nur die Hälfte verstanden. Jedoch ist es für uns als Familie einfach undenkbar hochdeutsch zu sprechen und uns dabei in die Augen zu schauen. Es fühlt sich falsch an. Meine Freunde mussten da also einfach durch. Viele von ihnen sind gerne wiedergekommen und haben mit der Zeit immer mehr verstanden. Einmal hatten wir einen brasilianischen Austauschschüler, der zum Ende seines Austauschjahres besser Platt als Hochdeutsch sprechen konnte. Ich bin mir sicher, dass er eine tolle Zeit bei uns hatte – auch wenn er mit keinen guten Deutschkenntnissen wieder nach Brasilien zurückkehrte.

Mittlerweile wohne ich wieder in meinem geliebten Ostfriesland. Meine Schwester und ich haben denselben Freundeskreis. Es ist interessant, wie die Freunde heute auf uns reagieren. Der eine Teil hat sich komplett daran gewöhnt, dass wir je nach Gesprächspartner zwischen den Sprachen wechseln. Aber es gibt auch das andere Lager. Plattdeutsch sei etwas für „alte Leute“ und es entstehe das Gefühl, man wolle nicht alle am Gespräch teilhaben lassen. Es liegt uns jedoch fern, andere auszugrenzen. Es fühlt sich einfach nur unnatürlich an und geht uns nicht über die Lippen Hochdeutsch miteinander zu reden.

Ich würde nicht sagen, dass mein Plattdeutsch perfekt ist. Es ist eher eine Mischung aus Plattdeutsch mit starken deutschen Einflüssen. Dies hat sich auch durch den Tod meiner Großeltern verstärkt. Sie kannten noch „heel besünnere Worden“ (ganz besondere Wörter), welche in meinem Sprachgebrauch einfach nicht mehr vorkommen.

Zuhause spreche ich mit meinem Mann in der Regel nur Hochdeutsch. Er kommt zwar aus demselben Ort wie ich, jedoch ist er mit Hochdeutsch groß geworden. Daher fühlt es sich unnatürlich für uns an, Platt zu sprechen. Genauso unnatürlich fühlt es sich aber an, mit unserem Hund Hochdeutsch zu sprechen.

Auch meine Kinder würde ich in plattdeutscher Sprache großziehen. Durch meinen Mann und mich würden sie also zweisprachig aufwachsen. Ich wünsche mir, dass in Zukunft wieder mehr Ostfriesen und Ostfriesinnen ihre Kinder in plattdeutscher Sprache großziehen. Diese wunderbare Sprache muss einfach erhalten bleiben. Denn Plattdeutsch ist mehr für mich als nur eine Sprache. Es ist ein Gefühl, Familie, Heimat und ein ganz wichtiger Teil der ostfriesischen Identität.

*Wehrland sagen wir bei uns im Rheiderland. Dazu gehören die Gemeinden Bunde und Jemgum sowie die Stadt Weener. Auf der anderen Seite der Ems nennen die Menschen diese geballten Flächen von „Nichts als Wiesen und Weiden“ Hammrich.

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