Weltklassik am Klavier – Interview mit Kathrin Haarstick

Montagmorgen 10.30 Uhr. Heute fahre ich für unseren Reiseblog von Greetsiel in das wunderschöne Warfendorf Rysum. Eigentlich kann man das Auto am Dorfrand parken und gemütlich die kleinen, verschlafenen Gassen hochlaufen, aber ich habe während der gesamten Strecke einen großen Maishäcksler vor mir und mein Zeitpuffer läuft mir davon.

Egal – genieße ich eben die Fahrt über die Dörfer vorbei am Pilsumer Leuchtturm durch Manslagt, lasse die Osterburg in Groothusen links liegen und biege in Richtung Hamswehrum ab. Dann sehe ich auch schon den eingepackten Campener Leuchtturm, übrigens der höchste Leuchtturm Deutschlands, der zurzeit gerade neu gestrichen wird und von weitem aussieht, wie die Raketenabschussrampe der NASA.

Dann schlängele ich mich durch Loquard und fahre in den Dorfring von Rysum. Um Punkt elf Uhr stehe ich vor dem Fuhrmannshof und höre – vor der Tür stehend – Klaviermusik.  Wäre ich zeitlich nicht so knapp, hätte ich gerne noch etwas gelauscht. Ich klopfe und Kathrin Haarstick öffnet mir die Tür – eine sehr sympathische und herzliche Frau!

Als ich eintrete stehe ich direkt in ihrem „Wohnzimmer“ – dem alten Gulf des Fuhrmannshofes und muss erst einmal staunen. Ich stehe quasi in der alten Scheune auf den rot-blauen Klinkersteinen, das alte Ständerwerk ist komplett zu sehen und es ist gemütlich warm. Warm und herzlich ist auch die Begrüßung von Kathrin Haarstick, natürlich mit dem vorgeschriebenen Abstand. So sitzen wir zwar einige Meter voneinander entfernt, kommen aber trotzdem schnell ins Gespräch. Kathrin Haarstick hat schon viele Interviews mit Künstlern geführt und beginnt selbst immer mit der Eröffnungsfrage: „Wer bist Du eigentlich?“ Das habe ich gern übernommen:

Zur Person:

Kathrin Haarstick kommt aus einer Klassikmusik liebenden Familie. Klassische Musik lief dort den ganzen Tag, ihr Vater beschallte mit seinem Plattenspieler das ganze Haus. Schon als kleines Mädchen lernte sie Klavier zu spielen und durfte gemeinsam mit ihrer Familie regelmäßig große Konzerte und auch die Festspiele in Bayreuth und Salzburg besuchen. Das war immer etwas ganz Besonderes für sie!

„Einmal durfte ich als achtjähriges Mädchen dem wundervollen Dirigenten und eindrucksvollen Mann Herbert von Karajan eine rote Rose überreichen. Dieses Erlebnis werde ich niemals vergessen!“

Einige Jahre später machte Kathrin Haarstick mit ihrem kleinen Sohn Urlaub in Rysum mit seinen kleinen Gassen und den liebevoll restaurierten Landarbeiterhäuschen. Als sie einmal ganz bewusst lauschte hörte sie nichts – absolute Stille. Hier zu leben musste das Paradies sein, diese Ruhe und Idylle und was hielt sie schon in den großen Metropolen London, Paris, Chicago und New-York, in denen sie lebte? Das pulsierende Leben in einer Großstadt? 80 Stunden die Woche arbeiten! Kathrin Haarstick überlegte nicht lange, kaufte den alten Fuhrmannshof, packte ihr Klavier und die Koffer und zog zusammen mit ihrem Sohn in das romantische Dorf Rysum.

Die Geschichte von „Weltklassik am Klavier“

Und dann saß sie gemeinsam mit ihrem Klavier im Gulf des alten Hofes. Die Balken in Sicht, die kleinen Fenster der ehemaligen Scheune….urgemütlich war es hier und Platz für Gäste gab es auch – nicht für große Menschenmassen, aber genügend Platz, um ein Konzert zu veranstalten. So nahm Kathrin Haarstick telefonisch Kontakt mit der Hochschule in Hannover – unweit ihres Elternhauses – auf und unterbreitete ihre Idee, im kleinen Rahmen, internationale Künstler auftreten zu lassen.

Heute ist Kathrin Haarstick das Gesicht der Konzertreihe „Weltklassik am Klavier“. 2003 fand das erste Konzert im Rysumer Fuhrmannshof statt und man war sich einig: Das soll wiederholt werden!

Mittlerweile gibt es über 40 Veranstaltungsorte in ganz Deutschland und es finden über 450 Konzerte jährlich unter dem Motto „Weltklassik am Klavier“ statt!

Was hat Ihre Familie – und Ihr Sohn – zu Ihrer „Auswanderung“ nach Rysum gesagt?

Mein Sohn hatte auch mit sechs Jahren ein großes Mitspracherecht. Er wollte ebenfalls gerne aus dem Stress und der Hektik raus und er wurde in der schönsten Grundschule Deutschlands eingeschult – der Grundschule im Gulfhof Loquard.

Wie wurden Sie vor ca. 20 Jahren in Rysum aufgenommen? Waren Sie der „bunte Vogel“ aus der Großstadt oder die „gute Fee“, die Klassikmusik nach Ostfriesland brachte?

Lacht, ich war die „Hexe auf dem Scheiterhaufen“, hatte das große Leben in Paris, London und vielen anderen Metropolen genossen und 80 Stunden die Woche gearbeitet und dann zog ich nach Rysum. Ich wollte nur Ruhe, keine Kontakte und mal völlig runterfahren. Das hat lange gedauert. Heute liebe ich meine Nachbarn und genieße die Kontakte und den Plausch „über den Gartenzaun“. Man kann sich mal ein Ei oder eine Tasse Mehl leihen und die Neuigkeiten austauschen – herrlich!

Wunderschöne Freundschaften haben sich entwickelt und mit einer Rysumerin – Ina Ubben-Ross – habe ich sogar zwei Bücher über Rysum geschrieben. Gewidmet haben wir diese Bücher u.a. der unvergessenen Kennerin der Geschichte Gästeführerin: Boudewina „Wini“ Francke, die leider viel zu früh gestorben ist.

„Weltklassik am Klavier“ finanziert sich ausschließlich über die Besucher! Es wurde kein Verein gegründet und es wurden keine Fördergelder beantragt. Rentieren sich die Konzerte bei einem relativ kleinen Eintrittspreis von meist nur 25,00 Euro pro Person (unter 18 Jahre sogar frei!!!)?

Wir sind ein Wunder. Kaum Bürokratie, eine schlanke Organisation und geringe Fixkosten halten die Gesamtkosten niedrig (kaum oder nur wenig Raummieten). Die Künstler haben keine Verträge, erhalten Prozente von den Einnahmen. Im Vordergrund der Künstler steht, zu spielen, zu üben und sich auf große Konzerte vorzubereiten.

Ein guter Pianist braucht für ein neues ca. 1 1/4 stündiges Konzert, wenn er 7 Stunden/Tag, 6 Tage/Woche übt, ungefähr 3 Monate Vorbereitungszeit. Bei uns kann er nah am Gast die ersten Konzerte geben! Die Pianisten, die bei „Weltklassik“ spielen, sind sehr gut und sollten eigentlich ein Vielfaches verdienen.

Mit dem freien Eintritt für Jugendliche erfülle ich mir und vielen anderen Künstlern den Wunsch, Kinder und Jugendlich wieder mehr für die klassische Musik zu begeistern. Ich würde mich sehr freuen, wenn mehr Jugendliche dieses Angebot auch annehmen würden!

Zwei Pianisten aus aller Welt stellen sich pro Woche bei Ihnen vor – wie dürfen wir uns das vorstellen? Kommen diese Musiker und spielen ein Stück in Jeans und Turnschuhen?

Nein, heute stellen sich die Künstler nicht mehr persönlich vor. Sie schicken Videos oder wir „skypen“. Das ist schon alles sehr viel einfacher geworden!

Was hoch schätzen Sie die „Wiederholungstäter“ unter Ihren Besuchern ein?

Das ist schnell beantwortet: Sehr hoch: 90 % der Gäste kommen jedes oder jedes zweite Mal.

Gab es ein lustiges Erlebnis in den letzten Jahren?

Es gab ein Erlebnis, an das ich mich gerne erinnere: Viele Besucher kennt man namentlich und eine ältere Dame kam zu fast jedem Konzert in Rysum. Sie wurde von ihrem Sohn gebracht und auch wieder abgeholt! Einmal jedoch hat ihr Sohn wohl die Zeit vergessen und die Dame saß hier und wartete. Eine weitere Besucherin setzte sich dann an den Flügel und spielte alte Lieder, von denen die meisten so gerade noch die erste Strophe mitsingen konnten. Von „Der Mond ist aufgegangen“ sang die alte Dame die vollen sieben Strophen. Das war schon ein sehr schöner Moment!

Was machen Sie in ihrer Freizeit? Gibt es noch Hobbys neben der Musik?

Es bleibt wenig Zeit für weitere Hobbys. In den letzten Jahren habe ich mich neben „Weltklassik am Klavier“ sehr auf meine Familie konzentrieren müssen. Das ist und war sehr zeitintensiv, aber ich liebe meine Familie! Außerdem laufe ich jeden Tag meine 4.000 m – am liebsten an mein „Rysumer Meer“.

Außerdem habe ich noch einige Projekte auf dem Schreibtisch, die mit der Erhaltung und Restaurierung alter Häuser zu tun hat, aber auch mit außergewöhnlichen Ferienunterkünften. Das ist aber alles noch nicht spruchreif.

Wie würden Sie die Krummhörn in drei Begriffen zusammenfassen?

Gutes Licht, gute Leute, Gute Luft.

Wo schicken Sie die Künstler hin, wenn diese fragen, was sie sich unbedingt hier ansehen müssen?

Zu Fuß zum Deich und zum „Rysumer Meer“ bei Wind und Wetter! Die Rysumer Mühle und Kirche, den Pilsumer Leuchtturm und zur Pilsumer Kreuzkirche. Einmal in Greetsiel den Hafen runterschlendern und ein Krabbenbrötchen sollte natürlich immer dabei sein.

Was sollte sich in der Krummhörn ändern – wo liegt Handlungsbedarf?

Noch mehr Räume mit einem Flügel und dadurch mehr Konzerte wären toll! Besonders wünschenswert wäre eine Zusammenarbeit mit den hiesigen Schulen – das liegt mir wirklich sehr am Herzen. Gerne können sich die Musiklehrer direkt an mich wenden!

Zum Schluss die Essensfrage:  Steak oder Fisch – updrögt Bohnen oder Mehlpüt?

Da muss ich nicht lange überlegen: Ein gutes Steak – gerne von hiesigen Rindern – und viel Obst

Es war wieder einmal ein sehr interessantes Interview mit einer bemerkenswerten, sehr sympathischen und humorvollen Frau. Da wurde kein böses Wort über andere Personen gesprochen, sondern immer nur Personen hervorgehoben, die ich gar nicht alle aufzählen kann. Ekehard Jaspers ist demnach das „Blaupapier“ – also die Grundlage eines tollen Menschen, von denen man gerne Kopien ziehen könnte, wie auch von Frau Leeling, Ina Ubben-Ross und Wini Francke.

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