Einmal Fischer, immer Fischer

"Früher spielte sich das Leben am Hafen ab - alle hatten mehr Zeit, kamen häufiger zusammen und es wurde gern miteinander geplaudert". Teetied sprach mit dem 67-jährigen Uwe Caspers aus Dornumersiel über 45 Jahre Fischerei.

Angefangen hatte alles auf dem Kutter seines Vaters; damals im alten Hafen in Westeraccumersiel, als die Flotte noch insgesamt 17 Kutter zählte. Nach der großen Sturmflut im Februar 1962, bei der so gerade alles gut gegangen war, wurde Mitte Juli in den neuen Hafen umgezogen. Caspers erinnert sich genau wie mittags das Hochwasser kam. Das Elternhaus lag direkt am Deich, Schaumkronen schlugen ans Fenster über den Erdwall hinweg, Kutter tanzten auf dem Deich. Da die Sieltore nicht hoch genug waren, wurden sie mit Sandsäcken erhöht – das Wasser lief durch –  Wasser drang auch durch Deichscharte, die nicht komplett dicht waren. Trotz Abdichtung mit Sandsäcken floss das Wasser die Dorfstraße runter. Überall Unmengen von Wasser. Damals war Caspers 14 Jahre alt.

Frage: Herr Caspers, Ihr Elternhaus wurde bei der Sturmflut verschont. Aber was ist mit dem alten Hafen passiert?
Uwe Caspers: Der war damals marode und die Bauern, die zu der Zeit das Sagen hatten, wollten einen neuen sicheren Hafen und diesen vorverlegen. So wurde 1963/64 ein neuer Hafen gebaut – nur die Sieltore vom alten Hafen waren noch gut in Schuss. Im Juli 1965 zog man dann vom alten in  den neuen Hafen um. Einige Einwohner, zu denen zählte auch mein Vater, sagten der alte Hafen müsse bleiben und schlugen den Bau einer Schleuse vor. Das hätte jedoch 600.000 DM Mehrkosten ergeben und wurde nie realisiert.

Frage: Haben Sie noch Erinnerungen an den alten Hafen?
Uwe Caspers: (ein bisschen wehmütig) Ja, der alte Westeraccumersieler Hafen mit seinen Brücken war früher das Schmuckstück an der ganzen Küste. Wir hatten Sieltore für Ebbe und Flut und dann hatten wir zusätzlich Sieltore, die man anders herum zuklappen konnte, um das Binnenwasser zu halten. Das war an der ganzen Küste einmalig. Wir hatten zwei Doppelsieltore. Die Binnenlandstore waren kleiner und wurden geschlossen, wenn es trocken war, damit das Land nicht austrocknete und damit das Wasser nicht ins Meer fließen konnte.

Frage: Das sah bestimmt idyllisch aus. Manchmal ist es schade, dass man das Rad der Zeit nicht zurückdrehen kann.
Uwe Caspers: (Nickt)

Frage: Wie viele Kutter laufen derzeit aus?
Uwe Caspers: Zehn Fahrzeuge und damit haben wir die zweitgrößte Kutterflotte an der ostfriesischen Küste. Nur Greetsiel überragt uns zahlenmäßig mit 35 Kuttern.

Frage: Sagen Sie, Herr Caspers, wie ist die Fischerei in Dornumersiel heute eigentlich organisiert?
Uwe Caspers: Die Kutter in Dornumersiel sind alles Familienbetriebe: Vater und Sohn. Ich bin seit zwei Jahren pensioniert; seitdem hat ein ganzer Generationenwechsel stattgefunden. Meine Söhne sind alle Fischer: Der jüngste hat den Kutter übernommen, der andere fährt beim Bruder mit. Es wurden neue Kapitäne ausgebildet, mit Fischerei- und A-Patent – falls sich die Zeiten ändern, können sie dann auch auf weißer Flotte fahren (z.B. Fährschiffe bis 400 Personen) – der Strukturwandel ist da.

Frage: Erzählen Sie doch bitte mal, wie sich der Fischfang im Laufe der Zeit insgesamt verändert hat.
Uwe Caspers: Vielleicht können Sie es sich vorstellen, der Alltag eines Fischers war früher Knochenarbeit, es gab keine Maschinen. Mit der Hand wurde gesiebt, mit dem Eimer abgespült. Bevor man die Krabben kochen konnte, wurden sie erst ausgesucht. Der Kochtopf wurde noch mit Kohle geheizt. Wenn früher maximal 150 Kilogramm am Tag verarbeitet wurden, erwirtschaftet heute ein Schiff etwa 90 Tonnen Krabben im Jahr. Zum Fischer muss man geboren sein. Das wird vererbt von Generation zu Generation. Schön ist die Arbeit an der frischen Luft – diese Freiheit. Früher war es zwar eine harte Arbeit, aber man konnte machen was man wollte, heute ist der Beruf mit viel Bürokratie verbunden. Mein Opa hat mit einem Netz gefischt und der Kutter hatte sogar noch Segel.

Frage: Stimmt es, dass die Netze damals aus Baumwolle gefertigt waren?
Uwe Caspers: Oh, ja, deshalb mussten sie immer wieder imprägniert werden. Dafür nahm man Karagu. Das war ein dunkler Klotz, der aussah wie Lakritz. Mit dem Beil wurde ein Stück abgeschlagen und anschließend in einem 200 Liter Fass flüssig gemacht. Nach dem Imprägnieren der Netze zum Wochenende war die Haut an den Händen dunkel, weil sich das Karagu in der Haut festsetzte. Wenn dann abends Tanz war, konnte man genau sehen welches Mädchen mit einem Fischer getanzt hatte. Die weißen Blusen der Mädels hatten hinten immer die braunen Flecken auf dem Rücken von den verschwitzten Fischerhänden.

Frage: Haben Sie mir da etwa gerade Seemannsgarn aufgetischt?
Uwe Caspars: (schmunzelt) Ein bisschen Wahres ist da schon dran.

Frage: Werden heutzutage ausschließlich Krabben gefischt?
Uwe Caspers: Die letzten zehn Jahre haben wir uns ganz auf den Krabbenfang konzentriert; in den 80/90er fingen wir noch Seezunge und Scholle. Von Anfang April bis September/Oktober sind wir früher bis nach Helgoland geschippert. Anfang April/Mai zogen Seezungen und Schollen an der Küste entlang, um zu leichen – da konnte man die Uhr nach stellen. Mitte der 90er wurde es immer weniger mit dem Fisch. Ich bin dann auf einen Kleinkutter umgestiegen und auf Krabbenfang.

Frage: Wie sieht denn so der Tagesablauf eines heutigen Fischers aus im Vergleich zu damals?
Uwe Caspers: Na, ja, in den 80ern war es Tagesfischerei. Da fuhren wir nachts los je nach Tide gegen 2 oder 3 Uhr und kamen nach 12 Stunden mit der Flut wieder in den Hafen, weil man keine Kühlmöglichkeiten hatte. In den 90er Jahren wurden Stahlkutter mit Kühlraum gebaut. So konnte man sonntagabends raus und bis zu 24 oder 36 Stunden fischen – heute liegt man zwischen 70 und 80 Stunden die Woche – von montags bis mittwochs fischen, dann mittwochs löschen und anschließend wieder raus bis Freitag.

Frage: Das klingt nach Modernisierung, die zwei Seiten hat …
Uwe Caspers: (Nickt) Ja, das trifft es. Früher hatten alle mehr Zeit; am Hafen spielte sich das Leben ab. Abends stand man nach getanem Werk im Gespräch zusammen. Das ganze Dorf traf sich früher am alten Hafen. Dieser war sozusagen das Herzstück. Was tollten da viele Kinder herum; jede Familie hatte drei bis sechs Kinder. Da war was los! Die Gemeinschaft war schön, der Zusammenhalt ein anderer. Alle hatten gleich viel bzw. wenig. Ich hatte ein wunderbare Kindheit. Heute dagegen ist ein Kommen und Gehen. Es gibt keine feste Zeiten mehr: Einer fährt vormittags, einer nachmittags raus. Zu meiner Zeit fuhren alle gemeinsam raus. Die Gemütlichkeit ist weg, alles ist schnelllebiger, weil jeder unterwegs sein muss. Mit Radar, Funk, UKW, AIS  sind teure Geräte im Einsatz und es fallen viele Gebühren an. Wir hatten seinerzeit lediglich einen Kompass an Bord, das war alles. Dazu hatte man ein Tau mit einem Stück Blei dran. Dann wurde markiert mit Lappen wie tief das Schiff war. Heute hat man Echolot, sitzt auf dem Stuhl im Ruderhaus, hat elektronische Seekarte und Radar –  man bezeichnet das auch als Instrumentenfischen.

Frage: Apropos Modernisierung, ich habe mir sagen lassen, dass die Krabben heute bereits in einer automatischen Kochstraße auf dem Schiff verarbeitet werden. Ist das richtig oder modernes Seemannsgarn? (lacht)
Uwe Caspers: Nein, nein, das stimmt schon. Die Krabben, wir Einheimischen nennen sie auch Granat, werden jetzt per Knopfdruck gekühlt, noch etwas aussortiert, dann etwa fünf Minuten gekocht – alles vollautomatisch. Krabben vom Kutter direkt kaufen geht leider nicht mehr. Wir haben die Tierchen noch mit dem Kochkäscher  aus dem Kessel geholt. Aber der heutige Granat bei uns in den Geschäften, das muss man wirklich sagen, ist echt frisch, kommt direkt vom Hafen. Rinjes beispielsweise ist in ganz Deutschland für 100 Prozent frische Ware bekannt. Dieses Fachgeschäft legt selbst Heringe ein, leckere Bratheringe, in einer eigens entwickelten Soße, hmmmhmm.

Frage: Werden die Krabben zum Pulen nach Marokko verschifft?
Uwe Caspers: Ja, auch. Die Vermarktung des Granats findet am Hafen statt. Er wird mit Lastwagen am Dornumersieler Hafen abgeholt, nach Neuharlingersiel gebracht, dort noch einmal gesiebt und verpackt und dann vermarktet. Von hier geht es nach Holland – die vermarkten das wieder: Die Krabben werden in zehn Pfundtüten sortiert und dann geht’s nach Polen oder Marokko zum Pulen. In Schleswig-Holstein gibt es eine automatische Pulstation – hat sich aber noch nicht durchgesetzt. Früher hatte Rinjes fünf Pulstationen – lief auch gut, aber es musste immer noch nachgearbeitet werden.

Frage: Die Krabben wurden als Sie jung waren von Hand gepult, nicht wahr?
Uwe Caspers: Ja, genau, in meiner Jugend wurden die Krabben bei uns an Land von Einheimischen gepult. In Spitzenzeiten konnten wir bei uns zwei Tonnen Krabben pulen. Die Frauen standen schon nachmittags Schlange, wenn die Fischer mit der Flut hereinkamen. Die Krabben wurden erst gesiebt, dann ausgeteilt und in einem Buch wurden die Namen der Pulerinnen eingetragen. Jede bekam 20 Pfund zum Pulen. Wenn sie das Fleisch zurückbrachten, wurde es gewogen und die entsprechende Menge in ein Buch eingetragen. Die meisten ließen das immer stehen. Denn wenn Weihnachtszeit war, holte man sich das Geld ab und hatte Weihnachtsgeld.

Frage: Sie haben auch die Anfänge des Fremdenverkehrs aus Sicht eines Fischers miterlebt.
Uwe Caspers: Allerdings, in den Ferienzeiten musste meine Oma mit auf den Kutter. Dann bekam sie ein Jück (Joch) mit zwei Eimern auf die Schultern. Mit den gekochten Krabben wurde sie auf Baltrum am Strand abgesetzt. In dem einen Eimer hatte sie spitze Tüten und Litersmaß, im anderen den  Granat. Am Strand hat sie an die Gäste Krabben verkauft. Man musste durch den Winter kommen. Opa war Alleinversorger; er hatte ein Pferd, eine Kuh und es ging ins Moor um Torf zu stechen für die Heizung. Ab und zu wurde ein  Schwein geschlachtet. Das Leben damals war einerseits recht einfach, andererseits auch sehr reich. (Schmunzelt wissend) In den 70er Jahren kamen dann die Badegäste. Da gab es das Hotel Peisel in Westeraccumersiel, die beherbergten die ersten Badegäste, nicht viele, aber die ersten waren da.

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