Glück zu!

Am Ortseingang der Herrlichkeit Dornum begrüßt die letzte ostfriesische Bockwindmühle alle Besucher. Seit 1626 ist sie ein Wahrzeichen des Ortes. Die zerstörenden Sturmfluten sowie Wind und Wetter hat die Mühle unbeschadet überstanden. Teetied sprach mit den freiwilligen Müllern Wilhelm Broeksmid aus Dornum und Michael Röthling aus Nesse.

Bezeichnend für eine Bockwindmühle ist das kastenförmige Mühlengehäuse, der Kaast (Kasten). Der Kaast lagert drehbar auf dem senkrecht stehenden Hausbaum, der das gesamte Gewicht der Mühle und die Windlast der Flügel trägt, und einem hölzernen Stützgestell – dem „Bock“. Die Bockwindmühle wird mit dem am Ende des Steerts (ein System von Balken, das zum Drehen der Kappe in den Wind dient) angebrachten Kröjhaspel in den Wind gekröjt (gedreht). Die Flügel, mit einem Durchmesser von rund 22 Metern, betreiben den Mahlgang und einen Sackaufzug. Bei einer Besichtigung erzählen Freiwillige Müller gerne spannende Geschichten über die Mühle und die Restaurierung im Jahr 2010.

Frage: Was ist das Besondere an der Bockwindmühle Dornum?
Wilhelm Broeksmid: In erster Linie ist sie das Wahrzeichen von Dornum und steht noch an der Stelle, an der sie 1626 erbaut worden ist. Der Bock, das Ständerwerk, und der Hausbaum sind sogar schon 800 Jahre alt. Quer auf dem Bock liegt der ebenso alte Hammer. Heute gibt es nur noch die sogenannten Galerieholländer in Ostfriesland – die Technik der Bockwindmühle ist nämlich eine ganz andere. Die Bockwindmühle wurde vor 400 Jahren auf Felsblöcke gestellt. Sie ist – anders als der Galerieholländer – nicht fest verschraubt, sondern steht lose auf diesen Felsblöcken und drückt sich darauf automatisch fest, wenn sich die Flügel drehen. Eigentlich ein Wunderwerk, denn sie hätte bei einer Sturmflut durchaus wegschwimmen können, sie ist ja nicht verankert. Die Standfinken, das sind Kreuzverstrebungen, die in alle vier Himmelsrichtungen ausgerichtet sind, liegen lose im Bock – das ist einzigartig.
Michael Röthling: Die Flügelachse beträgt 11 Meter, die Flügel sind 10,50 Meter lang. Damit sind die Flügel an der höchsten Stelle 22 Meter hoch. Hier entsteht gewaltiger Winddruck unbesegelt und vor allem besegelt. Der Druck wird aufgefangen und die Windkraft über Hausbaum, Bock und Steert nach hinten abgeleitet.

Frage: Das hört sich ja kompliziert an …
Michael Röthling: (lacht) Ja, das Prinzip ist aber simpel, und wenn man die Mühle im Betrieb sieht, erläutern sich die Abläufe von selbst. Vor ein paar Jahrzehnten gab es mal einen Sturm, da ist die Bockwindmühle um einige Zentimeter verrutscht. Der Mühlenarzt hat einen Kettenzug angesetzt und die Mühle wieder korrekt versetzt.

Frage: Ist die Mühle betriebsbereit?
Wilhelm Broeksmid: Bei der Restaurierung im Jahr 2010 ist sie wieder in ihren Originalzustand versetzt worden und ist voll funktionsfähig. Da es durch die Bodenbedingungen mit dem schweren Marschboden hier fast nur Roggenanbau gab, ist unsere Mühle eine so genannte Roggenmühle gewesen. Heute wird auch Gerste oder Hafer zu Schrot vermahlen.

Frage: Wer lieferte denn das Getreide?
Michael Röthling: Bis vor 150 Jahren haben die Müller das Korn, so wie vom Bauer gebracht vermahlen, der Bauer hat den Schrot wieder mitgenommen und die Bauersfrau hat es dann weiterbearbeitet, zum Beispiel mit dem Sieb – die Spelze für Tiere, das Mehl für die Menschen.
Wilhelm Broeksmid: 1626 war die Mühle überlebenswichtig. Das Hauptnahrungsmittel war damals Roggenschrot – als Brei und als Brot. Der Pro-Kopf- Verbrauch lag bei 1,5 Kilogramm pro Erwachsenem pro Tag. Wir dürfen nicht vergessen: Damals gab es ja noch keine Kartoffeln in Europa! Täglich aß ein Erwachsener zum Beispiel 1,5 Kilogramm Schwarzbrot. Man kann also nun nachrechnen, wieviel Getreide, als Brei oder Brot, in einer bäuerlichen Familie mit fünf oder zehn Köpfen gegessen wurde.

Frage: Und schmeckte das denn überhaupt?
Wilhelm Broeksmid: Na ja, also Zucker war sehr teuer und Salz wurde nur zur Haltbarmachung von Wurst und Fleisch verwendet. Also wurde alles ungesüßt und auch ungesalzen gegessen. Brrrr! (er schüttelt sich). Also nach unseren Maßstäben war es sicherlich kein Hochgenuss. Außerdem musste die Bäuerin immer altbackenes Brot vorrätig haben, denn frisches Brot wurde regelrecht von der Familie weggefressen …
Michael Röthling: Die Bauern haben sehr viel gebuttert. Buttermilch war hygienisch einwandfrei und nicht mit Bakterien belastet. Und sie wurde auch gerne getrunken, ebenso Bier oder Dünnbier. Wasser aus Wasserlöchern war nämlich oft von Tierfäkalien oder gar Tierkadavern verunreinigt.

Michael Röthling auf der Mühle

Frage: Wie seid ihr eigentlich ans Freiwillige Müllern gekommen?
Wilhelm Broeksmid: Die Gemeinde wollte 2009 die Mühle verkaufen. Sie war in einem desolaten Zustand. Kein Verantwortlicher war da, um die Mühle zu betreiben. Schließlich kam Onno Poppinga und hat einen Verein zum Erhalt gegründet: Bockwindmühle von 1626 – Herrlichkeit Dornum e.V. Onno Poppinga war der erste Vorsitzende und hat über öffentliche Stellen und Investoren Gelder organisiert, um die Mühle zu restaurieren. Fünf Leute, unter anderem ich selbst, haben dann schließlich die Ausbildung zum Freiwilligen Müller gemacht. Ich hatte richtig Lust, das Ding zu betreiben. (lacht)

Frage: War die Ausbildung schwer?
Wilhelm Broeksmid: Nun ja, sie dauerte ein Jahr, immer freitags und samstags. Wir haben Ostfriesland und Holland bereist, um Mühlen zu besichtigen und die unterschiedlichen Betriebsarten kennenzulernen. Die Prüfungen haben wir alle dann letztendlich mit Auszeichnung bestanden.
Michael Röthling: Wir sind übrigens auch Ausbildungsmühle, da es die einzige Bockwindmühle in Ostfriesland und in Norddeutschland ist.

Wilhelm Broeksmid im Herzen der Mühle

Frage: Was ist mit den anderen Bockwindmühlen in Deutschland?
Michael Röthling: Die meisten Bockwindmühlen in Deutschland, die es heute noch gibt, stehen nicht mehr an ihrem Ursprungsplatz und haben keinen Mahlgang mehr. Auch unsere Mühle hier wurde 1960 stillgelegt. Bis dahin wurde sie als Schrotmühle betrieben. Dann gab es eine Stilllegungsprämie, die der damalige Müller in Anspruch genommen hat. Das bedeutete aber auch, dass die Mühle 30 Jahre nicht mehr gewerblich betrieben werden durfte. Dann kaufte die Ostfriesische Landschaft die Mühle und hat sie restauriert. Danach hat die Gemeinde Dornum sie für 1 DM gekauft. Das war echte Weitsicht unserer Politiker, denn sie ist ein einmaliges, kulturhistorisches Denkmal.

Frage: Aber kostet auch jede Menge Geld …
Wilhelm Broeksmid: Ja, die Mühle wurde dann vom Heimatverein betrieben, der sehr viele Führungen in der Mühle gemacht hat. Ein Problem war nur, dass die Mühle 1997 noch mal komplett restauriert wurde. Und da ist leider etwas vollkommen schief gelaufen. Das Fachwerk wurde nicht berücksichtigt, weshalb sich der Mühlenkasten nach vorne neigte und umzukippen drohte. Flügel mussten demontiert werden, und das blieb auch lange so. Ein trauriger Anblick! Schließlich gründeten wir unseren jetzigen Verein und trieben die Mittel für die notwendige Restaurierung auf. Die Mühle ist nun fast 400 Jahre alt, und die wesentlichen Bestandteile sind ebenso alt.
Michael Röthling: Deshalb muss mit der alten Dame auch ganz behutsam umgegangen werden! (beide fangen an zu lachen)

Frage: Was bedeutet eigentlich „das Segel setzen“ bei einer Mühle. Das macht man doch nur bei Schiffen …
Wilhelm Broeksmid: Alle vier Windmühlenflügel haben jeweils ein Segel. Die Segel kommen drauf, wenn wenig Wind ist. Dann können alle vier Segel gesetzt werden. Je nach Windstärke können die Flügel zu einem Drittel oder voll besegelt werden, oder aber nur zwei Segel werden gesetzt. Dazu müssen die Müller auf die Segel steigen. Manche Müller können sie aber auch von unten mit etwas Geschick setzen.
Michael Röthling: Die Mühle wiegt 45 Tonnen und wird von Hand in den Wind gekröjt, also gedreht. Das hat früher das Pferd vom Müller gemacht. Heute übernehmen das drei Männer, und es ist immer noch eine Quälerei. Bei Führungen müssen dann immer die Gäste mithelfen. Die finden das toll! Früher war der Steert drei bis vier Meter länger. Da ging das Kröijen einfacher. Aber als die Straße gebaut wurde, war der lange Steert im Weg und wurde einfach abgesägt.

Die Freiwilligen Müller haben mittlerweile auch ein originales Müllerhaus nachgebaut, in dem wir übrigens gemütlich bei einer Tasse Kaffee zusammensitzen. Inzwischen wurde auch ein Acker angelegt, auf dem mehrere Getreidesorten wie Hafer, Gerste und Raps, aber auch Bohnen und Kartoffeln angebaut werden.

Frage: Sie haben einen Acker angelegt …
Wilhelm Broeksmid und Michael Röthling nicken
Michael Röthling:
Ja, quasi zu Demonstrationszwecken. Hier kommen kein Dünger und keine Spritzmittel zum Einsatz, wir beachten nur die Fruchtfolge. Leider picken die vielen Spatzen in Dornum immer die Körner aus dem Getreide. (lacht) Demnächst soll Leinsaat und Buchweizen angebaut werden. Die einheimischen Schulkinder wissen ja leider nichts mehr über Getreidesorten– hier lernen sie diese kennen! Im Herbst dürfen sie beim Pflügen mit dem Handpflug helfen. Ein Kind zieht den Pflug, zwei Kinder müssen hinten schieben. Und das ausdauernd, nicht nur eine Minute oder so. Dann wissen sie wieder, wie schwer die Arbeit früher war.

Frage: Herr Broeksmid, Sie machen die Führungen auch auf Plattdeutsch?
Wilhelm Broeksmid: Ja, ich mache den Teil Landwirtschaft und Michael Röthling den Teil Müllern. Für Gruppen bieten wir auch Führungen mit alten ostfriesischen Gerichten an. Dann gibt es original Ostfriesischen Tee, Krintstuut mit Booter und Kees – Rosinenbrot mit Butter und Käse, Griebenschmalz, Karmelkbree, das ist Buttermilchbrei, und Roggenbrei. Bei den Kids ist aber eher Brötchen mit Nutella der Renner. (grinst)
Michael Röthling:
In der Mühle gibt es übrigens auch einen Mühlenwichtel …

Frage: So ‚was wie Pumuckl?
Michael Röthling: (lacht) … der ab und zu mal für Ärger sorgt. So ist Wilhelm ‚mal das Bremsseil gerissen und ich fand einmal das Seil komplett verknotet vor. Da war der Mühlenwichtel am Werk – keine Frage! (zwinkert mit dem Auge) Die Kinder sind schwer beeindruckt und glauben das natürlich auch. Es ist ein Riesenspaß …
Wilhelm Broeksmid: (seufzt) Wer hat schon so ein schönes Spielzeug wie wir?

Frage: … das aber auch jede Menge Arbeit macht!
Wilhelm Broeksmid: Richtig, aber wir lieben, was wir machen. Mittlerweile ist auch ein Bäckermeister in Dornum Freiwilliger Müller. Die ersten Backversuche wurden schon gemacht. Der Bäcker hat einen alten Ofen nachgebaut und auf einem Fahrgestell montiert. Dann werden wir auch Backtage anbieten. Es geht also immer weiter – und die Mühle hört nicht auf sich zu drehen!

Frage: Das wünschen wir von ganzem Herzen und verabschieden uns mit dem traditionellen Gruß der Müller…
Michael Röthling und Wilhelm Broeksmid: (lachen) Glück zu!

Weitere Infos zur Bockwindmühle gibt es unter www.bockwindmühle-dornum.de

 

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