Hautnah watt zu erleben

Im Juni 2009 ist das Wattenmeer in die UNESCO-Liste des Welterbes der Menschheit aufgenommen worden. Dafür muss ein Gebiet einzigartige Naturwerte besitzen, intakt und durch gute Schutzmaßnahmen gesichert sein. Erdgeschichtlich ist das Wattenmeergebiet noch jung. Es zeigt, wie Natur, Pflanzen und Tiere sich immer wieder an die täglich wechselnden Bedingungen im Watt anpassen. Der Reichtum an Leben im Wattenmeer ist außergewöhnlich: Neben vielen dauerhaften Bewohnern nutzen jedes Jahr 10 bis 12 Millionen Zugvögel das Wattenmeer. Wattführer Heino Behring kennt jeden Krebs persönlich und ist mit jeder Muschel per "Du". Im Gespräch mit Teetied erzählt Heino über seine tiefe Freundschaft fürs Leben im Watt.

Teetied: Heino, was sind deine schönsten Erlebnisse im Watt?
Heino: Sehr schön ist es für mich, wenn ich meine kleinen und großen Gäste dazu bringe, dass sie einen Krebs in die Hand nehmen und so überzeugt werden, dass dieses wichtige Tier im Wattenmeer nicht kneift. Nur wenn es Gefahr spürt – und die kommt von oben und nicht aus der sicheren Hand – stellt es die Scheren auf und würde kneifen, denn für einen Krebs kommt die Gefahr immer von oben durch den Vogel. Oder wenn ich die Gesichter der Gäste sehe, die feststellen, dass die Flut kommt und zwar sehr schnell. Sie haben dann keine Angst, aber doch mächtigen Respekt vor den Gezeiten. Besonders schön ist für mich auch, wenn ich den staunenden Gästen die Größte Muschel im Watt präsentiere, die Sandklaffmuschel.

Fotorechte: KV Juist, Fotograph: Lars Wehrmann

Teetied: Wieso bist du Wattführer geworden?
Heino: Es ist eine Familientradition. Mein Vater, Wattführer Alfred, begann 1950 damit, Juister Urlaubsgästen den Lebensraum Wattenmeer und dessen Faszination zu erklären. Dadurch bin ich bereits als Kind mit ihm ins Watt gegangen. Nachdem mein Vater diesen Beruf nicht mehr ausüben konnte, war es für mich eine Selbstverständlichkeit diese Tätigkeit weiterzuführen. Dies ist mein Beruf, den ich als Berufung betrachte und das bereits seit 1980.

Teetied: Was bedeutet es für dich, dass das Watt zum Weltnaturerbe geworden ist?
Heino: Für mich war es eine Bestätigung dessen, was ich mit meinem damaligen Mitstreiter Willi Martens von Norderney an Öffentlichkeitsarbeit betrieben habe, um immer wieder auf die Wichtigkeit des Lebensraums Wattenmeer hinzuweisen. Die Herzmuschelfischerei wurde seinerzeit auf unser Betreiben verboten und somit auch die Politik aufmerksam. Ich war natürlich sehr zufrieden, dass weltweit die Wichtigkeit dieser einmaligen Landschaft damit anerkannt und geschützt wird.

Teetied: Was macht das Wattenmeer vor Juist so besonders?
Heino: Es ist eines der schönsten und lebensreichsten Wattflächen. Diese Fläche kann man gut begehen ohne im Schlick zu versinken. Das ist ein Verdienst der großen Tiervielfalt vor unserer Insel, die man unbedingt erhalten und schützen muss. Dafür kämpfe ich!

Teetied: Was möchtest du den Menschen auf deinen Wattführungen vermitteln?
Heino: Ich versuche den Gästen zu vermitteln, dass das Weltnaturerbe Wattenmeer in Europa einzigartig und in seiner Flächengröße einmalig auf der Welt ist. Damit ist es für Mensch und Tier von immenser Bedeutung. Auch versuche ich dem Inselurlauber die Bedeutung und Wichtigkeit der Wattlebewesen zu erklären, so wie ich es bereits als Kind von meinem Vater gelernt habe.

Fotorechte: KV Juist, Fotograph: Lars Wehrmann

Teetied: Was macht Wattführungen für Gäste zu einem unvergesslichen Erlebnis?
Heino: Ich stelle viele Themen praktisch dar und binde die Gäste aktiv in die Führungen mit ein. Besonders interessant ist, wenn sie hautnah erleben, wie aus trübem Wattwasser kristallklares salziges „Trinkwasser“ wird oder wie schnell die riesige Wattfläche bei Flut unter dem Wasser verschwindet.

Teetied: Was kann der Gast für das Weltnaturerbe Wattenmeer tun?
Heino: Er kann sich für mehr Nachhaltigkeit einsetzen, umweltbewusst handeln und dieses Wissen an andere weitergeben.

Teetied: Wie kann der Gast das Wattenmeer noch auf Juist erleben?
Heino: Der Gast kann auch mit den geschulten Wattführern des Nationalpark-Hauses das Watt erleben. Es ist gerade für unsere Region wichtig, dass so viele Gäste wie möglich über diese sensible Region informiert werden. Ich als „alter Hase“ kann ja nicht überall sein.

Teetied: Was wünscht du dir für die Zukunft des Wattenmeeres?
Heino: Das Wattenmeer vor Juist ist einer hohen Belastung ausgesetzt. Verbringung von Hafenschlick verändert das Watt meiner jahrelangen Beobachtung nach negativ. Dieses fällt inzwischen vielen teilnehmenden Gästen Gästen auf, die bereits seit Jahren Juist und meine Führungen besuchen. Wir sollten daran denken: Der Mensch braucht die Natur und nicht die Natur den Menschen. Dafür zu kämpfen lohnt sich immer, aber man macht sich meistens keine Freunde damit. Hier würde ich mir ein Umdenken wünschen.

Fotorechte: KV Juist, Fotograph: Lars Wehrmann

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