Der Fischer Ralf van Osten und sein Kutter „Komet“

Seit 42 Jahren ist Ralf van Osten Fischer. Sein Kutter „Komet“ liegt im Hafen Dornumersiel. Wenn er rausfährt auf die Nordsee, dann nicht nur um Krabben zu fischen. Der Kapitän hat sich ein weiteres wirtschaftliches Standbein geschaffen. Seit rund 20 Jahren ist sein Kutter Komet auch für die Wissenschaft im Einsatz. Teetied hat ihn bei einer seinen Fahrten begleitet.

 

 

Ralf, du bietest deinen Kutter für Forschungsfahrten an. Wie kam es dazu?

Ralf van Osten: Das war Anfang der 90er Jahre, als die Firma Statoil die Gaspipeline Euopipe durch das Wattenmeer verlegen wollte. Da waren schon vor dem Bau wissenschaftliche Forschungsarbeiten nötig.

 

Statoil – Europipe. Das sind für mich böhmische Dörfer. Du kannst mir das bestimmt erklären.

Ralf van Osten: Die Europipe I ist eine Erdgas-Pipeline in der Nordsee. Mittlerweile gibt es auch schon die Europipe II. Die verbinden die norwegische Gasplattform Draupner mit dem deutschen Festland. Das Gas wird in Cankebeer zwischen Dornum und Nesse angelandet. Wenn du von Dornum nach Nesse fährst, kannst du rechterhand die Gasempfangsstation gut sehen. Die Betreiber sind die norwegischen Firmen GASSCO und Statoil.

Statoil hat uns damals gefragt, ob wir mit den Biologen rausfahren können. Die Erdgaspipeline durchquert auf dem Weg von den Gasfeldern in der Nordsee vor Norwegen zur Deutschen Küste den Nationalpark Niedersächsisches Wattenmeer. Aus Gründen des Naturschutzes wurde vom Festland aus, unter dem trockenfallenden Watt hindurch, ein Tunnel mit 3,8 m Durchmesser über 2,5 km zu einem Zielschacht zwischen den Inseln Baltrum und Langeoog vorgepresst. Damals haben auch Fischer gegen dieses Projekt geklagt, weil sie befürchteten, dass durch die Untertunnelung das Ökosystem im Wattenmeer kaputtgeht und die Fischbestände zurückgehen. Deshalb wurden damals über Jahre umfangreiche Forschungsarbeiten gemacht, um die Auswirkungen der Pipelineverlegung auf die Tierwelt in der Nordsee zu bewerten.

Wir haben fast drei Jahre die Untersuchungen mitgemacht. Das hat sich bei den Forschungsinstituten herumgesprochen. So kamen mit der Zeit weitere Institutionen und Forschungseinrichtungen auf uns zu, für die wir gefahren sind.

 

Hatte ihr noch mehr solcher “Großaufträge“?

Ralf van Osten: Ja, 2005 haben wir Forschungsfahrten für Alpha Ventus durchgeführt.

 

Alpha Ventus? Noch nie gehört!

Ralf van Osten: Das war der erste Offshore-Windpark mit 12 Windkraftanlagen, der ca. 45 km vor Borkum gebaut werden sollte. Die Wassertiefen betragen dort, je nach Tide, etwa 27–30 Meter. Alpha Ventus war als Testanlage für die Offshore-Nutzung von Windenergie geplant. 2008 haben sie die Plattform „Alpha Ventus“ mit der Umspannanlage gebaut und 2010 wurde der Windpark offiziell in Betrieb genommen.

 

Na ja, jedenfalls ist das BSH (Bundesamts für Seeschifffahrt und Hydrographie) auf uns zugekommen, ob wir die Biologen rausfahren könnten. Das BSH koordiniert die ökologische Begleitforschung und ist verantwortlich für den Messservice in den Testfeldern. Die Lebendfauna und alles, was im Boden sitzt, sollte untersucht werden. Da haben wir natürlich zugesagt. Fünf Jahre dauerten die Untersuchungen. Vor Baubeginn, bei Baubeginn und nach Fertigstellung des Parks. Sie wollten sehen, ob sich dort etwas verändert, ob Fische wegbleiben, wiederkommen usw.  Die wollten natürlich auch Erfahrungen und Erkenntnisse gewinnen für den Bau und Betrieb weiterer Offshore-Windparks.

 

Und was haben die Untersuchungen ergeben? Bekommt ihr das auf euren Fahrten mit?

Ralf van Osten: Nein, die Wissenschaftler holen nur die Proben raus. Die werden dann in den Forschungslabors der Institute untersucht und ausgewertet. Aber wir sehen ja beim Fang was rausgeholt wird. Bei Alpha Ventus hat sich herausgestellt, dass es keine Auswirkungen auf die Anzahl der Tiere hat. Im Gegenteil! Es gibt viel Plankton, viele Krebse, die Kleintiere haben sich vermehrt. An den Pylonen setzen sich Miesmuscheln fest. Hummer, Plattfische und Kabeljau treten vermehrt auf. Zusätzliche Fischarten wie Makrele, Leierfisch und Seebull haben sich angesiedelt. Die befürchtete Verödung der Fauna ist nicht eingetreten und die Artenvielfalt ist gestiegen. In den Windparks jagen sogar Seehunde. Die halten sich zwischen den Pylonen auf. (Lacht) Wenn wir fischen, schwimmen die hübsch hinter unseren Netzen her und fangen dass, was aus den Netzen entwischt.

 

Dann kann man zusammenfassend sagen, dass die Offshore-Windparks den Fischen nicht unbedingt schaden, sondern teilweise sogar positive Auswirkungen haben.

Ralf van Osten: Ja, jedenfalls waren die Forschungsergebnisse der Start für weitere Offshore-Windparks.

 

Wie viele Windparks gibt es denn mittlerweile?

Ralf van Osten: Nur die deutschen Windparke? Hach, das sind über tausend Windkraftanlagen, die in der Nordsee stehen. Das ist gigantisch.

 

Ist das nicht unheimlich, wenn ihr mit eurem kleinen Kutter im Windpark fahrt?

Ralf van Osten: Ja, wir fahren bis 50 Meter an die Anlagen ran und machen die Untersuchungen direkt an den Pylonen. Dann sind wir ganz klein, wenn wir da unten sind.

 

Mich wunderts, dass noch niemand auf die Idee gekommen ist, Ausflugsfahrten zu den Offshore-Windparks anzubieten. Wir haben ja hier auch eine begehbare Windkraftanlage, die man besichtigen kann. Die Führung ist ein Renner. Das wäre doch mal was! Eine begehbare Offshore -Windkraftanlage!

Ralf van Osten: : (Lacht). Ja das wäre eine Attraktion. Aber da kommt ihr nicht hin. In den Windparks ist jeder Schiffsverkehr verboten. Dort darf auch nicht gefischt werden. Das wird dort alles streng überwacht. Außerdem ist die Entfernung zu groß. Man ist mit dem Schiff zu lange unterwegs.

 

Wie lange dauern diese Forschungsfahrten?

Ralf van Osten: Das kommt auf den Fischbestand an. Manchmal drei, manchmal vier Tage.

 

Bekommt ihr vorgegeben, wo ihr fahren müsst, um die Fische zu fangen?

Ralf van Osten: Ja, wir bekommen bestimmte Punkte vorgegeben. Die Punkte verbinden wir und erhalten unsere sogenannten „Schleppstriche“, über die wir die Schleppnetze setzen. Die Schleppstriche sind immer gleich, sonst können die ja keine Vergleiche anstellen.

 

Die Fische holt ihr mit dem Netz ‚raus. Aber wie entnehmt ihr die Bodenproben aus dem Wasser?

Ralf van Osten: Wir haben einen sogenannten van Veen-Backengreifer, mit dem wir Sediment, also Sand, aus dem Boden holen. Der Inhalt des Greifers wird auf einen Quadratmeter hochgerechnet. Dann wird der Inhalt ausgesiebt. Der Sand, und alles was über einen Millimeter groß ist, wird mitgenommen und untersucht.

 

Musstet ihr euren Kutter für die Forschungsfahrten umrüsten?

Ralf van Osten: Ja, wir mussten den Sicherheitsstandard hochschrauben. Wir müssen fast alles doppelt haben. Jedes Jahr wird das überprüft, wie beim TÜV. Nur dass der bei unseren Kuttern alle fünf Jahre ist. Aber ohne diese jährliche Überprüfung darf ich die Forschungsfahrten nicht durchführen.

 

Seid ihr das ganze Jahr für die Forschung unterwegs?

Ralf van Osten: Nein, nur im Frühjahr und Herbst.

 

Aha, und im Sommer geht ihr dann auf Fischfang?

Ralf van Osten: Fischfang machen wir nicht mehr. Seit ungefähr 10 Jahren fahren wir nur noch auf Krabben. Die Fische kommen nicht mehr ausreichend an die Küste. Unser Fahrgebiet ist bis 25/30 Meilen vor den Inseln.

 

Warum kommen die Fische nicht mehr ausreichend an die Küste?

Ralf van Osten: Wir haben mit den Biologen auch darüber gesprochen. Und die haben anhand ihrer Wassertemperaturmessungen bestätigt, dass das Wasser der Nordsee mittlerweile zu warm ist.  Darauf reagieren die Fische sehr empfindlich. Das Wasser braucht nur 1 -2 Grad wärmer sein, dann suchen sich die Fische wieder tieferes, kälteres Wasser. Unsere Seezungen haben wir immer hier an den Küsten gefischt. Die sind mit einem Mal ausgeblieben. Die Holländer mit ihren großen Schiffen haben hier auch viel weggefischt. Deren Schiffe haben eine viel größere Motorleistung. Irgendwann hat sich das für uns nicht mehr gelohnt. Deshalb sind wir auf Krabben gegangen.

 

Macht sich die Erwärmung der Nordsee noch anders bemerkbar?

Ralf van Osten: Ja, wir haben mehr Warmwasserfische, z. B. Wolfsbarsche. Die kann man jetzt hinter den Inseln angeln. Die gab es hier früher nicht.

 

Ihr seid gerade mit eurem Kutter im Hafen eingefahren. Habt ihr Krabben gefangen?

Ralf van Osten: Nein. Im Moment dürfen wir keine Krabben fangen, bzw. dürfen keine anlanden. Letztes Jahr wurden aufgrund des warmen Frühjahrs und Sommers so viele Krabben gefangen, dass der Händler seine Lager noch bis September mit Frostware vom letzten Jahr gefüllt hat. Er nimmt zwar noch kleine Mengen an, denn ansonsten hätten wir gar kein Einkommen mehr. Die Krabben sind immer noch die Haupteinnahmequelle für uns.

 

Aber gibt es denn nur einen Händler, der euch die Ware abnimmt?

Ralf van Osten: Eigentlich gibt es nur zwei, das sind Holländer. In Deutschland gibt es gar keine Händler.

 

Warum ist das so?

Ralf van Osten: Wir sind da nicht mit groß geworden. Die Holländer waren uns immer 10 Jahre voraus. Wenn wir hier zu viel Fisch angelandet hatten, dann wurden wir das aufgrund fehlender Märkte nicht los. Die nächsten Märkte sind in Cuxhaven und Bremerhaven. Das hat sich für unseren regionalen Händler nicht ausbezahlt. In Holland gibt es einfach viel mehr Märkte, wo man die Ware los wird.

 

Wohin werden die Krabben gebracht, wenn sie hier im Hafen angelandet werden?

Ralf van Osten: Die werden in Neuharlingersiel noch gesiebt und verpackt, und dann werden sie quer durch Europa zum Puhlen nach Marokko gekarrt. In Spanien auf der Schiffsüberfahrt nach Marokko werden die Krabben umgeladen. Da kommt von Marokko ein LKW mit Fleisch. Und dann wird getauscht. Wir das Fleisch und die Marokkaner die Krabben. Auf dem Weg zurück nach Deutschland läuft das genauso, nur umgekehrt. Das ist ein Kreislauf. Die Krabben sind schon ein paar Tage unterwegs. Natürlich sind die gefrostet und der Geschmack leidet darunter.

Wie lange seid ihr unterwegs, wenn ihr auf Krabbenfang geht?

Ralf van Osten: Das ist unterschiedlich, wenn es viele Krabben gibt, ist man innerhalb 36 Stunden damit durch. Sonst kann man auch mal 72 Stunden unterwegs sein. Länger sollte man mit den Krabben nicht fahren, auch wenn sie an Bord bereits gekocht werden. Meistens fahren wir von montags bis mittwochs raus.

 

Kann man Krabben direkt vom Kutter kaufen?

Ralf van Osten: Ja, natürlich. Wenn wir die Ware löschen, kann man auch frische Krabben bei uns kaufen. Wir dürfen 20 – 30 kg privat verkaufen.

 

Ist die Arbeit an Bord beim Krabbenfang anstrengender als bei den Forschungsfahrten?

Ralf van Osten: Nee, heute nicht mehr. Wir haben ja die Kochstraßen. An Deck ist die Arbeit in den letzten 10 Jahren schon leichter geworden. Früher waren wir zu dritt. Jetzt sind wir nur noch zu zweit. Wir schlafen zwischendurch. Wenn wir 70 Stunden unterwegs sind, machen wir „Hols“ von 3 Stunden. Ja, ja, ich sehe es an deinem fragenden Blick, du weißt nicht, was ein Hol ist! (lacht) Also als Hol bezeichnet man in der Fischerei den einzelnen Fang. Das Wort leitet sich ab vom Einholen der Netze. Nach dem Hol haben wir eine Stunde Arbeit. In den nächsten zwei Stunden legt sich im Wechsel immer einer von uns schlafen. Die Maschine läuft immer, und die Netze sind immer unten. Dazwischen machen wir im Wechsel Pause und schlafen. Auf den Forschungsschiffen haben wir Abendruhe, weil die Biologen nur über Tag ihre acht Stunden arbeiten. Wir dürfen uns abends, sobald es dunkel wird, auch nicht in den Windparks aufhalten.

 

Was war denn dein lustigstes Erlebnis auf See?

Ralf van Osten: Als wir vor ein paar Jahren mitten im Sommer den Tornado hatten. Wir waren unter Langeoog am Fischen. Da war ein älterer Herr mit dem Segelboot unterwegs. Der hatte volle Segel gesetzt. Und wir wussten, da kommt was! Es war plötzlich pickedunkel. Ich dachte, hoffentlich holt der die Segel rein. Wir sahen schon die dunklen Wolken ankommen. Nach dem Tornado habe ich nach dem Segler Ausschau gehalten. Sein Boot war gekentert, und er klammerte sich oben am Kiel fest. Der gute Mann hatte nichts an. (lacht) Den haben wir nackig rausgeholt. Das war ihm sehr peinlich. Er erzählte uns, dass er auf seinem Segler immer nackig herumläuft. Das ist Freiheit für ihn. Er meinte, dass ihm das jetzt aber doch zu denken gäbe. Sein Boot konnte er zwei Tage später in Norddeich abholen. Das hat der Küstenschutz abgeschleppt. Er hat uns ein paar Tage später besucht und sich bedankt. Das sei seine letzte Fahrt gewesen. Der Schock saß doch tief.

 

Ich habe gehört, dass du deinen Beruf an den Nagel hängst?

Ralf van Osten: Ja, Ende des Jahres höre ich auf. Ich war 42 Jahre auf See. Das ist genug. Jetzt freu ich mich auf den neuen Lebensabschnitt und ich werde bestimmt nicht rumsitzen. Meine Familie meint ja, ich halte es ohne Schiff nicht aus … (schmunzelt).

 

Was macht dein Decksmann Theo Immen, wenn du in Rente gehst?

Ralf van Osten: Der geht mit in Rente. (lacht) Theo war schon immer auf dem Schiff, seitdem es gebaut wurde. Wir haben uns damals, als es um den Kauf des Schiffes ging, gesagt: Wenn du das Schiff kaufst, bleib ich bei dir, und wenn ich das Schiff kaufe, bleibst du bei mir. Seit 1983 bin ich mit ihm auf dem Schiff. Wir sind ein eingeschweißtes Team. Das läuft!

 

Ralf, wir bedanken uns für das Gespräch und wünsche dir und deinem Decksmann Theo, dass immer eine frische Brise durch eure baldige Rentenzeit weht.

  1. Kerstin Müller says:

    Ein feiner und interessanter Bericht war das! Besonders an meinen Vetter Theodor ganz liebe Grüße von deiner Cousine Kerstin, geb. Immen, früher in Nesse.

  2. Ursula Derichs-Lavalle says:

    Moin aus NRW – herzlichen Dank an „Teetied“ für diesen hochinteressanten und sehr informativen Bericht!
    Eine Freude, einmal etwas aus der persönlichen Realität und dem sicherlich nicht leichten Alltag auf einem „besonderen Kutter“ mit seinen neuen und hochinteressanten Aufgaben sowie all seinen täglichen „Beschwerlichkeiten“ lesen zu dürfen!
    Ein herzliches Dankeschön dafür!!
    Wenn sich alles mit „Corona“ weiterhin so positiv entwickelt, werde ich mit meinem kleinen Teddyhund Sputnik ab Anfang Juni für drei Wochen Urlaub in Horumersiel machen – vielleicht haben wir dann „das Glück“, die KOMET in Dornumersiel wenigstens einmal ansehen zu können, wenn sie im Hafen liegt, das würde mich doch sehr freuen !
    Allzeit gute Fahrt und weiterhin viel Erfolg für diese interessanten und sicherlich auch wichtigen und erlebnisreichen Aufgaben wünscht das Land-Ei
    Ursula Derichs-Lavalle aus Monschau/Eifel

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