Ostfriesischer Graf nach entdeckter Liebesnacht ein Jahr im Gefängnis

In schwedische Geschichtsbücher ist es als bemerkenswertes Ereignis eingegangen und wird mit einem eigenen Begriff tituliert –„Vadstenabullret“- wörtlich übersetzt „Vadstena-Lärm“ – Teetied blickt auf diesen Skandal, den ein ostfriesischer Graf ausgelöst hat und der in ganz Europa bekannt wurde.

Zur Vorgeschichte gehören allerdings zwei ostfriesische Grafen, die Brüder Edzard II und Johan II aus dem Adelsgeschlecht der Cirksena. Dem älteren der beiden, Edzard, hatte der mächtige und erfolgreiche schwedische König Gustav Wasa die Hand seiner ältesten Tochter Katharina angeboten. Die Ereignisse spielten sich um 1550 ab, als die Fürsten und Könige Europas ihren politischen Einfluss mit Hilfe von Eheschließungen strategisch planten. Gerade hatte Gustav Wasa es geschafft, Schweden von den Dänen zu befreien. Nun strebte er an, eine Nordseeküstenregion, die ungehinderten Zugang zum Ozean bieten würde, unter seinen Einfluss zu bringen.

Die ostfriesische Halbinsel erschien ihm dafür geeignet und insbesondere die Hafenstadt Emden so attraktiv, dass er bereit war seine älteste Tochter Katharina als Pfand einzusetzen. Er bot also dem zukünftigen Landesherren Edzard II einen Handelsvertrag und die Hochzeit mit Katharina an. Obwohl die Ehe mit der Königstochter Katharina für den Grafen Edzard eine unerwartet gute Partie war, nahm er das Angebot nicht direkt an, versuchte Katharinas Mitgift hoch zu handeln und zögerte seine Zusage immer wieder hinaus. Damit verärgerte er den schwedischen König zusehends. Dennoch wurden die beiden sich einig und die Hochzeit zwischen Edzard und Katharina beschlossen.

Katharinaschweden1558

Im Herbst 1559 heirateten Katharina und Edzard schließlich in Stockholm. Gustav Wasa richtete überaus üppige Feierlichkeiten aus für die er nach Landesgesetzen sogar eine Extrasteuer veranschlagen durfte. Für das Bankett wurden schon Wochen vorher Jäger aus der Region verpflichtet, Elche, Rehe, Hasen und allerlei Vögel zeitlich passend zum Fest zu erlegen und frisch in der Schlossküche abzuliefern. Die ausländischen Gäste verbreiteten später Berichte über die prächtige Hochzeit in ganz Europa.

Nach der Hochzeit wollte Edzard mit seiner Frau und seinem Bruder Johan, der mit nach Stockholm gekommen war, so schnell wie möglich zurück nach Ostfriesland zurückkehren. Damit verärgerte er Gustav Wasa aufs Neue, der aus Sicherheitsgründen vorgeschlagen hatte, dass die Neuvermählten den Winter in Stockholm verbringen sollten. Erst als Edzard drohte, ohne Katharina abzureisen ließ der König sie ziehen. Der Weg ging allerdings nicht direkt nach Ostfriesland, sondern das Paar, das ein größeres Gefolge hatte, machte bei verschiedenen fürstlichen Verwandten Zwischenstation und ließ sich dort gebührend feiern. Mit dabei waren neben Edzards Bruder Johan, Katharinas jüngere Schwester Cecilia und der gemeinsame Bruder Erik. Der König hatte seiner Tochter Cecilia nur erlaubt mitzureisen, nachdem ihre Geschwister Katharina und Erik sich für sie eingesetzt und versprochen hatten, auf sie aufzupassen.

Die noch unverheiratete Cecilia, war froh, der strengen Aufsicht ihres Vaters in Stockholm zu entkommen und genoss ihre Freiheit bei den Festen, die an den verschiedenen Stationen der Reise gefeiert wurden. Anfang Dezember traf die Reisegesellschaft auf Vadstena Schloss ein. Hier residierte ein weiterer Bruder der Wasafamilie, der das frisch vermählte Paar mit Festlichkeiten über mehrere Tage hinweg empfing.  Hier bahnte sich nun der Skandal an, der in ganz Europa bekannt werden würde und den Frieden innerhalb der Königsfamilie erschüttern sollte.

13 of 'Norwegian Pictures drawn with pen and pencil, containing also a glance at Sweden and the Gotha Canal. With a map and ... illustrations, etc' (11306641875)

Prinzessin Cecilia und Edzards Bruder Johan kamen sich bei den Feierlichkeiten näher und Johan wurde von Wachen dabei beobachtet, wie er nachts über eine Leiter heimlich in Cecilias Schlafzimmer kletterte. Nachdem dies mehrere Nächte in Folge geschah, berichteten die Wachen Erik von ihren Beobachtungen. Erik legte sich daraufhin auf die Lauer um das Paar auf frischer Tat zu ertappen. Dies gelang ihm auch und seinem Bericht zu folge erwischte er Johan mit „nur einem Hemd bekleidet und ohne Hose“ in Cecilias Zimmer.
Edzard II k

Johan wurde auf der Stelle gefangengenommen und von Erik verhört. Erik ließ auch alle Wachen verhören und Johan in aller Öffentlichkeit fesseln und abführen. Anschließend wurde Johan zurück nach Stockholm zum König gebracht, der ihn einkerkerte. Gustav Wasas Sekretär hat in einigen überlieferten Notizen beschrieben, mit welcher Wut der König auf den Vorfall reagierte. Er hatte gerade Hochzeitsverhandlungen für Cecilia eingeleitet und sah den Ruf seiner Töchter beschmutzt.

Gustav Wasa hatte viel daran gesetzt, das Ansehen des schwedischen Königshauses in Europa zu stärken. Dazu gehörten fromme und keusche Töchter, die sich an den Moralkodex der Zeit hielten und ihre Stellung als gute Ehepartie aufrecht erhielten. Dies für Gustav Wasas politische Pläne so wichtige Ansehen der schwedischen Königsfamilie hatte Johan durch sein ungebührliches Verhalten in Verruf gebracht. Und Gustav Wasas eigener Sohn Erik hatte die Affäre nicht diskret behandelt, sondern durch sein Verhalten aufgebauscht und die Geschichte zu einem weitbekannten Skandal gemacht. Lange Zeit wich Erik deshalb seinem Vater aus. Als Cecilia nach Stockholm zurückkehrte bekam sie die volle Wut ihres Vater zu spüren. In überlieferten Briefen beschreibt sie, wie ihr Vater sie geschlagen und ihr Haare ausgerissen habe. Katharina war bei ihrem Vater ebenfalls in Ungnade gefallen, da sie ihr Versprechen, auf Cecilia aufzupassen nicht gehalten hatte.
Gustav Vasa

Hatte zunächst der eine ostfriesische Graf durch mangelnden Respekt für Gustav Wasa nur dessen Unmut hervorgerufen, hatte sein Bruder ein Zerwürfnis innerhalb der Königsfamilie verursacht und dabei seine eigene Freiheit aufs Spiel gesetzt.

Ohne Johan konnten auch Edzard und Katharina nicht nach Ostfriesland zurückkehren. Der König quartierte das Paar auf einem Schloss in der Nähe von Stockholm ein und setzte die beiden dort unter Hausarrest. Alle Bemühungen innerhalb der Familie, den König umzustimmen und die Restriktionen aufzuheben waren erfolglos. Noch erfolgloser waren zunächst Bemühungen, Johan aus der Gefangenschaft zu befreien. Ihm drohte sogar die Todesstrafe. Einigen Berichten zu Folge wurde die Todesstrafe in „Entmannung“  umgewandelt.

Fast ein Jahr verbrachte Johan im Kerker. In Ostfriesland setzte in dieser Zeit Gräfin Anna – Johans Mutter –  alle Hebel in Bewegung, um ihren Sohn aus schwedischer Gefangenschaft zu befreien. Zahlreiche Fürsprachen europäischer Fürstenhäuser führten schließlich zu einer Lösung: Johan wurde nach Stockholm geholt und schwor vor dem König dass zwischen ihm und Cecilia nichts „unkeusches“ vorgefallen sei. Dann war er frei nach Ostfriesland zurückzukehren. Katharina war mittlerweile hoch schwanger und konnte die Strapazen einer Reise nicht auf sich nehmen. Außerdem ging es ihrem Vater zusehends schlechter und so blieben Katharina und Edzard zunächst in Schweden. Erst 1561 nach der Geburt ihres ersten Kindes och Gustav Wasas Tod kehrten Ezard und Katharina nach Ostfriesland zurück.

Katharina kaufte die Burg Pewsum  von ihrer Mitgift, bekam noch weitere 9 Kinder zusammen mit Edzard und lebte bis zu ihrem Tod 1610 in Ostfriesland. Johan blieb zeit seines Lebens unverheiratet und kinderlos. Er starb an seinem 53. Geburtstag auf der Burg Stickhausen, von der heute noch ein Wehrturm erhalten ist, den man besichtigen kann.

Die Geschichte dieser beiden ostfriesischen Grafen die Unmut und Zorn des schwedischen Königs hervorriefen und nur mit Mühe und Not ihre ostfriesische Heimat wiedersahen, zeigt, dass politische Konkurrenz, das Ringen um Respekt, private Skandale und die Macht der Öffentlichkeit keine Erfindungen unserer Zeit sind.

Auch wenn die Skandale nach fast 500 Jahren verraucht sind, sind Teile der Gemäuer der beiden  ostfriesischen Burgen erhalten, auf denen die schwedische Königstochter Katharina gelebt hat: Burg Pewsum  einst Stammsitz der Häuptlingsfamilie Manninga beherbergt heute ein Museum und ist öffentlich zugänglich.

In Pewsum / Krummhörn Greetsiel können Sie Katharina Wasa sogar auf dem Marktplatz treffen. Die Gästeführerin Britta Kaufman schlüpft bei ihren Rundgängen in die Rolle der historische Persönlichkeit Katharina Wasas und erzählt ihnen ungeheuerliches, spannendes und erheiterndes aus Katharinas Leben in der Krummhörn.

Die später von Katharina erworbene Burg Berum   war ursprünglich der Stammsitz der Häuptlingsfamilie Cirksena und ist heute in Privatbesitz, Teile werden als Ferienwohnungen vermietet und der Innenhof ist für alle frei zugänglich.

 

 

 

Hinterlasse einen Kommentar zum Artikel

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Sie können diese HTML Tags verwenden

<a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>